Das Internet hat Alzheimer

Ich glaube, einer der größten Mythen der Neuzeit ist der Satz, “das Internet vergisst nichts”. Der Satz kommt einem Glaubensbekenntnis gleich. Von denen, die ihn mit gekräuselter Stirn vortragen, wird dann gerne noch ein “Recht auf Vergessen” hinzugefordert. Da schwingt etwas von der Furcht vor einer geheimen Macht mit, die man nicht so wirklich versteht. So wie Menschen vor ein paar hundert Jahren von ihren Göttern oder ihrem Gott gesprochen haben.

Dabei ist doch die Realität eine ganz andere: Das Internet hat Alzheimer.

Das Internet hat Alzheimer

Das ist die Statusmeldung eines kleinen Plugins für mein Wordpress-Blog, das ich seit knapp zehn Jahren mit Inhalten füttere. Und das ist ein echtes Ärgernis.

Diese Statusmeldung

349 fehlerhafte Links gefunden

Endeckt 2623 eindeutige URLs in 3083 Links.

besagt nämlich, dass es in all meinen vielen, vielen Blogbeiträgen bisher 2623 Links gibt, die man von dort aufrufen kann. Etwa weil ich auf einer anderen Seite etwas Spannendes gefunden habe, auf das ich verwiesen hab. Hat man vor Erfindung von Twitter und Facebook noch öfter gemacht als heute. Oder weil ich einen Gedanken mit einem Hinweis auf einen noch viel gründlicheren und besseren Text anderswo untermauern wollte.

Von diesen 2623 Links sind 349 fehlerhaft, d.h. wer draufklickt, der bekommt nichts mehr angezeigt. In meinem Blog werden solle Links dann durchgestrichen im Text angezeigt. Anders gesagt: 13,3 Prozent aller Inhalte, die es früher mal im Netz gab und auf die ich verwiesen habe, sind nicht mehr da. Vergessen. Verloren. Perdu.

Ich finde, das ist ganz schön viel. Das sieht dann im Detail so aus:

Das Internet ist vergesslich

Wenn man dazu noch die Links rechnet, die keinen Fehler auswerfen, sondern einfach auf irgendwelche neue Inhalte (wie Startseiten) umgebogen wurden, und die damit von dem Tool nicht erkannt werden, dann dürfte der Schwund noch deutlich höher liegen.

Das Internet vergisst nichts

Kurz: Das Internet vergisst ständig. Jeden Tag. Es hat ein Gedächtnis wie ein Sieb. Denn ja, es mag ja stimmen, dass vielleicht irgendwer diesen verlorenen Inhalt irgendwo abgespeichert hat, etwa auf seiner Festplatte, nur hilft das keinem weiter. Das Internet weiß davon nix mehr. Es ist nicht mehr oder im Einzelfall vielleicht mit großem Aufwand wieder zu finden.

Ich möchte daher beantragen, die Formulierung “das Internet vergisst nichts” auf den Index zu setzen, gleich neben der unsinnigen Stanze “das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein”. Und zwar pronto.

Tags
#Alzheimer #Recht auf Vergessen
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