Und plötzlich Soccer-Dad

Den Stürmer auf dem Weg Richtung Tor sehen, die Luft anhalten und hoffen, dass er schießt. Jetzt. Jetzt endlich. Sehen, wie der Ball sich ins linke Ecke senkt, während der Torhüter hilflos mit den Armen fuchtelt und dann der erlösende Ruf: Tooor. Das Gefühl kennt wohl jeder, der sich für Fußball interessiert. Eine ganz neue Dimension bekommt das Spiel, wenn der Stürmer auf dem Platz der eigene Sohn ist, der erst ein paar Monate vorher den entschiedenen Wunsch geäußert hat: „Ich will im Fußballverein spielen.“

Gut, die Nachmittage in der Kita waren zuletzt auch vor allem für das Kicken mit den Kita-Kumpels reserviert gewesen. Und warum eigentlich nicht Fußball? Mannschaftssport, draußen, man muss neben Fußballschuhen und Schienbeinschonern nichts in Ausrüstung investieren und so übermäßig sportlich ist Sohnemann ja auch nicht, kann doch nichts schaden. Die erste Hürde ist, einen Verein zu finden. „Für die Altersgruppe gibt es eine Warteliste. Vielleicht in einem Jahr.“ So eine Antwort hilft einem fußballbegeisterten 5-Jährigen nicht weiter. Also die Suche im Umkreis ausweiten – und in Weißensee ist es entspannter als in Pankow. Das erste Probetraining – und danach die unerwartete Erkenntnis beim freundlichen Abschied: Training ist dann Dienstag und Donnerstag um 17.30 Uhr. Wie, zwei mal die Woche? Ja, klar. Und samstags sind Punktspiele. Oder ein Hallenturnier. Oder… Zu spät für einen Rückzieher bei den leuchtenden Augen des Nachwuchs. Das lässt sich bestimmt irgendwie einrichten. Und von den 20 trainierenden Kindern werden ja auch nur 10 zu den Spielen mitgenommen, und da gehört der eigene Sohn zu Beginn natürlich noch nicht dazu.

Drei Stunden die Woche an der Seitenlinie

Und so steht man also Woche für Woche an der Seitenlinie, unterhält sich mit anderen Soccer-Moms und Soccer-Dads und schaut den Kindern beim trainieren und spielen zu. Was am Anfang wie ein wildes Kinderknäuel hinter einem Ball aussah erinnert jetzt wirklich an Fußball, mit Positionen wie Abwehr, Mittelfeld und Stürmer, mit einem Blick für die Mitspieler und dem Ziel, gemeinsam ein Tor zu machen. Nicht mehr, selbst so schnell wie möglich den Ball zu bekommen. Man schaut dem Sohn zu und denkt sich, wow, das konnte er doch bisher noch nicht. Dribbeln, Finte, Passen, Abschluss. Da ist plötzlich so ein Selbstvertrauen, obwohl er doch sonst eher schüchtern und zurückhaltend ist. Und ehe man es sich versieht gehört das eigene Kind zur Stammelf und ab jetzt heißt es, samstags früh aufstehen (was nicht schwer fällt, weil der Sohn eh so aufgeregt ist und um 6 Uhr hellwach ist).

Fußball ist ein Mannschaftssport

Aber was gibt es Schöneres als am Rasenrand stehend die ersten Frühlingssonnenstrahlen mit einem frischen Becher Kaffee zu genießen und dem Fußballspiel zuzuschauen? Da verblasst auch die Erinnerung an die Spiele, die im November bei vier Grad Außentemperatur ausgetragen wurden. „Fußball ist ein Draußensport“ kann je nach Witterung auch eine Drohung sein.

Wenn Fußball-Eltern auf ihre Kinder einschreien

Und es gibt diese Momente des Fremdschämens, wenn beim Hallenturnier die Eltern der Mannschaft aus Prenzlauer-Berg ununterbrochen auf ihre Kinder einschreien, dorthin zu laufen, den zu decken und doch endlich mal ranzugehen. Und das gute Gefühl eine Mannschaft gefunden zu haben, in denen die Eltern das auf dem Platz als das sehen, was es ist: Kinder, die Spaß haben wollen, und dabei auch ein bisschen Fußball lernen. Und alles brauchen, nur keine klugen Ratschläge oder verbale Kritik von ihren Erzeugern von der Tribüne – höchstens frenetischen Beifall und Anfeuerung. Oder wie es dem Co-Trainer treffend zusammengefasst hat: „Gewinnen könnt ihr, wenn ihr in der Bundesliga spielt.“

Und man glaubt gar nicht, wie sich ein Kind durch sowas verändern kann. In den Osterferien eine Woche lang Fußball-Schule, von 9 bis 16 Uhr. Mit ganz vielen Kindern, die man gar nicht kennt? Mit Trainern, die man nicht kennt? Vor einigen Monaten undenkbar. Heute: Ein lapidares „Da will ich mitmachen.“ Und es wird begeistert durchgezogen. Klar, diese Fußball-Begeisterung hat auch Schattenseiten. Etwa, wenn jeder Ausflug zum Spielplatz nur auf dem am besten geeigneten Platz zum Kicken endet. Wenn zu Hause das Lieblingsspielzeug der Stoffball ist, mit dem man auch das Schlafzimmer zum Endspiel-Stadium umfunktionieren darf. Auf der anderen Seite hat man endlich jemanden, der begeistert mit einem die „Sportschau“ guckt – und einem immer aushelfen kann, wenn man gerade vergessen hat, wie der beste Stürmer vom Borussia Mönchengladbach nochmal hieß.

Den Text habe ich für die Zeitung des Fördervereins unserer Kita, der Kita Villa Schabernack, geschrieben. Aber da es die Zeitung nur gedruckt und nicht online gibt dachte ich mir, ich könnte ihn auch hier veröffentlichen.

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#Fußball #Kinder
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