Hier spricht ihre Polizei

Ich finde es ja super, wenn sich die Polizei um einen kümmert. Zum Beispiel hingen vor einiger Zeit bei uns unten an der Haustür so Hinweiszettel, wie wir Dieben das Leben schwer machen können. Etwa indem wir die Tür abschließen oder auf verdächtige Personen achten. Aber, hey, das ist das Kerngeschäft der Polizei - Verbrechen verhindern und nicht nur immer hinterherlaufen und versuchen, wenn es schon zu spät ist, alles noch aufzuklären.

Deshalb finde ich ja auch den Ansatz der Polizei aus Hagen sympathisch, die Leute mal davor zu warnen, blind & blöd Bilder ihrer Kinder ins Internet zu pusten:

Die Polizei warnt

Das Dumme ist nur, dass die uniformierten Damen und Herren offenbar mehr von unverschlossenen Türen verstehen als von diesem Internet.

Mit der Polizei Hagen geht es durch

Posten sie niemals nichts im Netz, ihre Polizei!

Denn was auf dem Bild ja noch vernünftig ist - Kinderbilder nicht für alle ersichtlich herumzuposten - wird dann in dem Facebook-Post selbst ziemlich abstrus. Also erstmal die korrekte Warnung:

Vielleicht finden Sie die Fotos heute süß, Ihrem Kind sind sie in ein paar Jahren aber endlos peinlich. Oder Ihr Kind wird damit sogar gemobbt. Noch schlimmer: Pädophil veranlagte Menschen bedienen sich solcher Fotos und nutzen sie für ihre Zwecke bzw. veröffentlichen sie an anderer Stelle.

Aber dann geht es mit den Ordnungshütenden aber so richtig durch:

Auch ihre Kinder haben eine Privatsphäre. Kinderfotos haben in sozialen Netzwerken grundsätzlich nichts zu suchen. Denn das Internet “vergisst” nichts. Zeigen Sie die Bilder von Ihren Kleinsten der Oma, dem Opa, der Tante, dem Onkel, Freunden und Bekannten lieber persönlich. Es ist doch auch viel schöner, gemeinsam darüber zu sprechen und zu schmunzeln.

Bitte was? Fotos haben in sozialen Netzwerken “grundsätzlich” nichts zu suchen? Sagt wer? Was bitteschön ist ein soziales Netzwerk im Verständnis der Polizei Hagen? Die meisten haben ja diese tolle Möglichkeit, bestimmte Inhalte nur bestimmten Leuten zugänglich zu machen. Zum Beispiel kann man auf Facebook 7232 Freunde haben, aber nur 8 Leute, denen man den Status “Familie” gegeben hat. Und dann kann man ein tolles Foto nur mit der “Familie” teilen. Das geht - grundsätzlich - hervorragend.

Und es ist ja auch schön, dass die Polizei Hagen findet, wir sollten uns die Bilder lieber persönlich zeigen und gemeinsam darüber schmunzeln. Der Punkt ist nur: Nicht jeder hat nach dem Schulabschluss seine Polizeiausbildung in der selben Stadt absolviert und wohnt jetzt nur sechs Fahrminuten von Papa und Mama und neun Minuten von Tante Luise und Onkel Alfred entfernt. Das Tolle am digitalen Bilderzeigen ist ja, dass es Zeitzonen überspringt und ruckzuck geht. Und - echt jetzt - man kann danach sogar telefonieren (von mir aus auch skypen, muss aber nicht sein) und gemeinsam über die tollen Fotos sprechen. Und schmunzeln.

Das Internet ist Teil unseres Lebens

Das Problem an der Warnung aus Hagen ist, wie so oft, dass sie “das Internet” als irgendwas Fremdes ansieht. Es ist aber ein Teil unseres Lebens, das geht auch nicht mehr weg. Und so wie vor 30 Jahren über dem Telefon der Hinweis “fasse Dich kurz” hing, weil es halt so unglaublich teuer war, Ferngespräche zu führen, ist die ständige, fast kostenlose Erreichbarkeit via Smartphone heute alltäglich. Die Welt verändert sich. Und dass das Internet nicht vergisst ist ohnehin Humbug.

Schön wäre gewesen, wenn die Polizei versucht hätte, die Menschen dafür zu sensibilisieren, die vorhandenen Schutzmechanismen im Netz zu nutzen, egal ob bei Cloud-Speichern oder in Sozialen Netzwerken. Einfach mal zu sagen “macht das nicht” schürt bei denen, die sich ohnehin weniger auskennen, nur die Angst, bei den anderen führt es zu einem achselzuckenden “was wissen die von der Polizei schon vom Internet?”

Wenn Kinder ihre Eltern verklagen

Es gibt auch Leute, die warnen nicht nur, die drohen sogar - nämlich damit, dass uns unsere Kinder wegen all der Fotos irgendwann verklagen könnten.

Denjenigen Eltern, die Bilder ihres Nachwuchses auf Facebook und anderen Portalen veröffentlichen, könnten rechtliche Konsequenzen drohen. In Frankreich etwa können Kinder 45.000 Euro vor Gericht einfordern, wenn ihre Eltern ohne ihre Zustimmung Fotos von ihnen gepostet haben.

Sicher ist sowas nicht auszuschließen, vermutlich gibt es Richter die noch weniger vom Internet verstehen als die Polizei Hagen. Aber auf der anderen Seite heißt es im Originalartikel aus dem “Guardian”, den “Wired” hier transkribiert hat, auch nur, dass sowas theoretisch auf Grund der Gesetzeslage als Höchststrafe denkbar sei. Nicht, dass es dazu schon ein Urteil gegeben hat. Nur: Macht das nicht viel mehr her, so wie es da geschrieben steht? Ist doch egal, ob es stimmt.

Wäre es aber nicht viel besser wenn Kinder ihre Eltern auf Schmerzensgeld verklagen könnten, weil diese sich nicht um sie gekümmert haben und ihnen nur einen Fernseher ins Zimmer gestellt haben? Weil sie nie die Hausaufgaben mit ihnen durchgesprochen haben, sondern lieber selbst nur auf ihr Smartphone geschaut haben statt ins Aufgabenheft? Oder weil diese Eltern nie auch nur ein Foto von ihrem Nachwuchs süß, toll oder zeigenswert fanden, nachdem die Kinder älter als zwei Jahre waren und einen eigenen Willen entwickelt haben? Gut, ich gebe zu, sowas hat mit dem bösen Internet nichts zu tun und sollte alleine deshalb nicht strafbar sein.

Soziale Netzwerke kommen und gehen

Bleibt noch ein kleiner Hinweis für die internetwarnende Polizei und die Digital-Juristen und Online-Psychologen: Vielleicht werden unsere Kinder all die Fotos aus den Sozialen Netzwerken nie zu Gesicht bekommen und ihre Freunde auch nicht. Weil es nichts gibt was so schnell von gestern ist wie das Soziale Netzwerk von heute. Wer zum Beispiel vor sieben Jahren die Kinderfotos für seine Ex-Kommilitonen in der Studi-VZ-Gruppe gepostet hat muss sich ebenso wenig Sorgen machen wie diejenigen, die ihre Alben bei wer-kennt-wen oder bei MySpace abgelegt haben.

Man mag es nicht glauben, aber diese Sozialen Netzwerke haben die Deutschen 2009 genutzt:

Nutzung Sozialer Netzwerke im Jahr 2009

Sieht heute, sieben Jahre später, schon aus wie frisch aus dem Museum fotografiert. Und es gibt Hoffnung: Bei Snapchat sind die Bilder nach einmal anschauen bzw. nach 24 Stunden ohnehin wieder weg.

Tags
#Facebook #Fotos #Kinder #Polizei
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