Der Einzelhandel vor Ort hat es verkackt

Ich habe von meinen Eltern zum Geburtstag eine Mikrowelle geschenkt bekommen. Also nicht so wirklich, sondern mehr so virtuell. In Form eines Geldbetrages damit ich den tatsächlichen Kauf selbst vollziehe. Jetzt bin ich überzeugter Online-Händler-Nutzer und gehe nicht so gerne zum stationären Einzelhandel vor Ort, aus diversen Gründen. Aber ich hatte mit einer guten Freundin auf Facebook gerade eine kleine Kabbelei, ob es den richtig ist, dass die Gewerkschaft Verdi es vor Gericht verhindert hat, dass an drei bestimmten Sonntagen im ersten Quartal in Berlin die Geschäfte offen haben dürfen.

Sie war der Meinung, die Beschäftigten im Einzelhandel klagten schon heute über Arbeitsverdichtung und wollten lieber frei als Arbeit mit Sonntagszuschlag. Ich vertrat die Ansicht, dass es Aufgabe der Gewerkschaft wäre, für ordentliche Zusatzentlohnung und passenden Freizeitausgleich bei solchen Öffnungen zu sorgen, dass so ein offenes Geschäft am Sonntag aber für den stationären Handel doch die Chance wäre – verglichen mit der Online-Konkurrenz, die dann eben nicht ausliefern kann. Ich stehe immer noch zu der Meinung, glaube allerdings inzwischen leider: der stationäre Handel hat längst verkackt.

Denn zurück zur Mikrowelle. Ich war am Sonntag beim Sport und nebenan ist ein Elektronikfachmarkt. Und es war verkaufsoffener Sonntag. Und da dachte ich mir, wenn die Angestellten schon arbeiten müssen, dann kann ich ja auch mal schnell was kaufen. Also rein und rüber zum Bereich mit den Küchengeräten. Auf dem Weg schon sehr viele rot gekleidete Mitarbeiter, angeregt untereinander über ihre privaten Handyverträge plaudernd, und wenig Kunden.

Drei Enttäuschungen im Ladengeschäft

Erste Enttäuschung: Es gibt genau zwei – in Ziffern: 2 – Mikrowellen, die weniger als 100 Euro kosten, weil sie eben nur eine Mikrowelle sind und nicht einen Backoffen, eine Kaffeemaschine oder noch ein Badezimmer integriert haben.

Zweite Enttäuschung: Es gibt in so einem echten Laden ja eigentlich keine Informationen zur Mikrowelle. Ja, gut, man kann sie anfassen. Aber dafür steht daneben nur ein kleines Schild mit dem Preis, einem Hinweis auf die Anzahl der Programme und die Wattzahl. Und bei einer Mirkowelle standen die Abmessungen daneben, bei der anderen nicht. Gut, vielleicht hatte man da den Zollstock verlegt beim Aufstellen. Aber was fehlte war jede Form von Beschreibung, die es im Online-Shop natürlich gibt. Ein bisschen Lyrik, was die besonders toll kann. Und vor allem natürlich: Bewertungen von Kunden.

Dritte Enttäuschung: Wo ich jetzt das Fach im Handel geblieben? Ich stehe also ratlos vor den zwei Mikrowellen und denke mir, bei dem Angebot kann ich auch wieder gehen. Da kommt so ein Rotes-T-Shirt-Träger an mir vorbei, schwer damit beschäftigt, eine Dekoration für irgendwas aufzubauen. Ich sage „Tag“, er murmelt „Tag“. Ich könnte ihn natürlich ansprechen, aber ich sehe nun mal sehr deutlich ratlos aus und bin eh unsicher, ob ich hier wirklich einen Kaufvorgang einleiten will. Soll er doch fragen, ob er helfen kann. Dann, ja dann, vielleicht.

Und dann hat es Klick gemacht

Er hat natürlich nicht gefragt.

Und dann bin ich raus, nach Hause und habe im Internet bei Amazon die Vielzahl von Mikrowellen unter 100 Euro durchgeklickt. Habe Bewertungen gelesen und Bilder angeschaut. Und nach ungefähr 15 Minuten mit nur einem Klick eine gekauft. Übrigens genau die, die es auch im Laden gegeben hätte. Sogar zum ziemlich gleichen krummen Preis. Und zwei Tage später ist sie angekommen.

Ich denke jetzt auch wie meine gute Freundin, dass Geschäfte sonntags nicht unbedingt aufmachen müssen. Zumindest nicht so. Aber die Frage bleibt natürlich, ob das Einkaufserlebnis von Freitag bis Samstag so viel besser ist.

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#Handel #Onlinehandel
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