andreas streim

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Schlagwort: Social Media

Personaler mit Ärmelschonern

Das Schöne am Job als Presssesprecher beim BITKOM ist, dass wir eine ganze Menge Umfragen in Auftrag geben. Während ich als Journalist das aufschreiben konnte, was andere gefragt und dann mitgeteilt haben, kann ich jetzt die Fragen selbst mitentwickeln, deren Ergebnisse ich dann kommuniziere. Und deshalb kann man auch Sachen fragen, die einen persönlich wirklich interessieren. Zum Beispiel was Personaler mit diesem Internet anstellen.

In der Medienbranche gehört es irgendwie zum guten Ton, immer zu schauen, was es gerade an Stellenangeboten gibt. Und es gibt ja eigentlich immer Freunde oder Bekannte, die gerade auf Stellensuche sind (by the way, falls jemand eine tolle Stelle für eine nette & gute Journalistin und langjährige Online-Redakteurin hat, immer her damit). Und da sitze ich dann doch häufig vor diesen Ausschreibungen und versuche mir die ärmelgeschonten Leute in den Personalabteilungen vorzustellen wenn wieder einmal darunter steht: „Bewerbungen ausschließlich per Post an…“ oder noch deutlicher „Bewerbungen per E-Mail können nicht angenommen werden“. Vor meinem geistigen Auge sehe ich sie dann für alle Entscheidungsträger im Referat XY am Kopierer die Unterlagen vervielfältigen und in Mappen verheften – und dann in den Postumlauf geben. So ’ne E-Mail, die kann man doch nicht einfach auf den Kopierer legen, ne?

150520_SmartwatchUnd immerhin jeder zweite Personaler – das hat eine BITKOM-Umfrage ergeben, womit wir wieder beim Anfang wären – schaut beim Bewerbungseingang nicht nach, ob die Kandidatin oder der Kandidat vielleicht ein Profil in einem Sozialen Netzwerk haben und was da so drinsteht. Mal ehrlich – warum sollte man auch über jemanden, den das eigene Unternehmen einstellen will, mehr wissen wollen als der selbst auf DIN A4 schreibt? Und wie sollte man das, was man in diesen Sozialen Netzwerken findet, dann auch noch für alle Kopieren? Eben.

Auf der anderen Seite ist spannend, dass die Personaler und Geschäftsführer, die mal einen Blick auf die Social-Media-Profile werfen, sich erstaunlich wenig für das interessieren, was man gemeinhin so erwartet: Sex, Drugs & Rock’N’Roll, also abgefahrene Party-Bilder, krude Scherze oder politische Meinungen. Stattdessen interessiert man sich für fachliche Äußerungen und Qualifikationen, die online zu finden sind. Und wenn es mal dazu kommt, dass man aufgrund des Online-Checks jemanden nicht zum Gespräch einlädt oder den Job doch nicht anbietet, dann liegt das vor allem an Widersprüchen zu den eingereichten Bewerbungsunterlagen. Also wenn man seinen beruflichen Werdegang für Unternehmen A ein bisschen frisiert hat, um besser auf die Stelle zu passen, aber vergessen hat, das bei Xing und LinkedIn auch anzupassen. Was dort aber auch blöd aussieht wenn man vergisst die Hinweise auf die Änderungen zu löschen – manche Leute sollen sich ja schon binnen Tagen vom Volontär zum Pressereferenten und wieder zurück befördert haben.

Mir schwebt ja so eine Start-up-Idee vor, bei der Unternehmen per Post die Social-Media-Profile von Kandidaten anfordern können, ordentlich getackert und gelocht in schmucken Bewerbungsmappen. Und eigentlich wäre es ja auch mal wieder Zeit für so eine Umfrage zum Thema papierloses Büro.

Die Bahn twittert – mir

Ok, das ganze Netz ist voll davon, dass die Deutsche Bahn AG künftig ihren Kunden über Twitter helfen will.

Und wenig überraschend, gibt es auch schon vor dem Start jede Menge Häme.

Ich hatte auch eine Frage, wirklich gerade aufgekommen, aber auch so als Test. Und nach knapp 45 Minuten eine Antwort. Wenn auch keine, wie erhofft, doch zumindest eine klare Aussage. Das hätte ich nicht erwartet.

Und deshalb von mir erstmal Daumen hoch für das Bahn-Projekt. Aber spätestens im anstehenden Klimaanlagenausfall-Sommer dürfte @db_bahn arg ins Schwitzen kommen, befürchte ich.

Verbesserungen

Don Alphonso hat in der FAZ einen wunderbaren Beitrag über die Berater als solche und die Social-Media-Berater im Besonderen geschrieben. Da stehen viele kluge Gedanken drin, aber mein Lieblingssatz (ok, es sind mehrere) ist dieser:

In unseren Tagen jedoch ist jedes Projekt mit Kosten verbunden, und wenn die WAZ mit dem auf derartige Heilsversprechen zugeschnittenen Online-Auftritt „Derwesten“ Millionen versenkt, zahlen die normalen Mitarbeiter die Zeche. Vielleicht wäre es sinnvoller, Geld in die Verbesserung von Produkten zu stecken, anstatt Mitarbeiter zu schulen, wie sie mangelhafte Qualität über Twitter verkaufen.

In manchen Firmen wäre man zwar schon froh, wenn sie wenigstens sowas wie Twitter kennen würden. Aber im Kern ist das Problem wirklich, dass in vermeintliche Qualität oder in Qualität, die von Beratern als solche bezeichnet wird, Geld gesteckt wird. Und dabei werden die besten Berater, die eine Firma hat, viel zu oft ignoriert: die eigenen Mitarbeiter. Darunter sind nämlich mit Sicherheit welche, die viel genauer wissen, wo es hakt und klemmt. Darunter sind mit Sicherheit welche, die tatsächlich noch so etwas wie Stolz oder Liebe zu ihrem Produkt empfinden. Und die nichts lieber tun würden, als gemeinsam daran zu arbeiten, dass es besser wird.

Stattdessen wird irgendwas gemacht, was sich irgendwer irgendwo ausgedacht hat und was diejenigen, die jahrelang mitgelebt und mitgelitten haben, noch dazu vor den Kopf stößt. Weil es falsch ist. Weil es nicht weiterführt. Und vor allem, weil sie merken, dass niemand an ihrer Meinung interessiert ist. Vielleicht werden sie es ja im nächsten Leben als Berater versuchen. Und statt kostenlos weiterhelfen wollen, dafür richtig Kohle nehmen.

Ja, ich glaube solche Firmen gibt es zu Tausenden in diesem Land.

© 2018 andreas streim

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