andreas streim

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Ich schaue App

Aha, die Verleger klagen also gegen die Tagesschau-App, die die „Tagesschau“ im Original-Format sowie eine 100-Sekunden-Webfassung in Bewegtbildern auf Smartphone und Tablets bringt. Und dazu auch Texte liefert.

Jetzt stecke ich in einem Dilemma, weil die FAZ, der mein Arbeitgeber – die „Märkische Allgemeine“ – zu 100 Prozent gehört, zu den Klagenden gehört. Und ich die App sowohl auf meinem Handy als auch auf meinem Tablet installiert habe. Weil sie gut ist. Weil sie informativ ist. Und weil ich mit meinen Gebühren die Sender finanziere, auch wenn ich nur selten den Fernseher für die „Tagesschau“ einschalte. Um diese Zeit hat unser Sohn derzeit grundsätzlich sein Bettgeh-Ritual terminiert.

Ob die ARD nun so eine App publizieren darf oder nicht, das sollen die Juristen unter sich ausmachen. Was der Drei-Stufen-Test ist und warum im Internetangebot der Sender Beiträge nur sieben Tage vorgehalten werden dürfen, das können normale Menschen – und zu denen zähle ich mich trotz meines Journalist-Seins weiter – kaum mehr verstehen. Und ich behaupte: die meisten wollen es auch gar nicht.

Aber die Hoffnung, dass man durch das Wegklagen der „Tagesschau“-App, so es denn gelingt, das Geschäftsmodell „App für journalistische Inhalte“ vor der Kostenlos-Kultur schützen kann, halte ich für illusorisch. Selbst wenn zunächst alle Medienhäuser nur Bezahl-Apps anbieten würden, irgendwann wird dann einer auf die Idee kommen, sein Angebot kostenlos zu machen und auf Werbung zu setzen. Die sich dank des dann großen Zulaufs plötzlich rechnen könnte. Wäre es anders, könnten doch ziemlich schnell auch heute schon die Web-Angebote der Medien kostenpflichtig werden – nur würde dabei „Spiegel Online“ oder irgendein anderer nicht mitmachen. Und damit hätte sich der schöne Plan erledigt.

Was die vermeintliche Konkurrenz angeht: App steht nicht für Apple, liebe Verlagsbranche. Ich würde übrigens auch Bezahl-Apps neben einer kostenlosen „Tagesschau“-App installieren. Das würde aber voraussetzen, dass es die überhaupt erstmal gibt*. Für mein Android-Handy ist das Angebot der Medienhäuser allerdings ebenso wenig existent wie für mein Android-Tablet. Die „Tagesschau“ dagegen ist einfach da. Und deshalb werde ich sie vorerst sicher nicht löschen.

*Ja, ich weiß: „Bild“ gibt es. Aber das ist jetzt eine andere Diskussion.

Medien 2010

Nachdem gestern das „Heute Journal“ in der Halbzeitpause als Topnachrichten das Ausscheiden der Franzosen (mit Schaltung nach Paris) und von Südafrika (mit Schaltung nach Johannesburg) ausführlich zelebriert hat, bin ich ja tendenziell für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Informationsauftrag? So wie den das ZDF versteht, bekommt das RTL und sogar N24 aber dicke hin.

Und mit weniger Worten bringt es xkcd auf den Punkt:

The Media

Gefährliche iPhorie

Es ist ja diese Woche eine Menge über das iPad geschrieben worden. Ob es technisch überzeugt oder ob Mängel (wie fehlender USB-Port etc.) enttäuschen. Das geht hübsch hin und her im Netz.

Und da sind ja noch die Verlage, die Medien, meine Branche. Den Print-Titeln geht es nicht gut, dazu reicht ein Blick in die quartalsweise veröffentlichten Auflagenzahlen. Und jetzt also das iPad als digitale Zeitungslesehilfe, die – wie bei iTunes mit Musik vorgemacht – ein Geschäftsmodell für Nachrichten liefert.

Am blauäugigsten euphorischsten formuliert das Georg Altrogge, seines Zeichens Meedia-Chefredakteur, unter dem Titel „Eine Chance, die nicht wiederkommt“:

Wenn das iPad sich zum Volks-Reader entwickeln sollte, und daran habe ich auf Sicht keinen Zweifel, dann werden die Medienunternehmen zu den Gewinnern gehören, die die richtigen Inhalte in marktkompatibler Verpackung anbieten.

Interessant. Das iPhone ist sicher ein gutes Smartphone, es hat sich am Markt etabliert. Aber ein „Volkshandy“ ist es nun wahrlich nicht geworden und es gibt immer noch viel mehr Menschen, die kein iPhone haben als solche, die eines haben. Und ich wage Herrn Altrogge zu widersprechen: Selbst wenn sich das iPad etabliert (und selbst da zweifle ich ein wenig) wird es den Markt allenfalls in Gang setzen; es werden andere mit ähnlichen Tablets kommen, mit Hilfe von Microsoft oder Googles Android. Manche werden technisch besser sein, viele einfach billiger. Und es wird, falls die Menschen nach Tablets schreien sollten, einen Markt mit vielen Anbietern geben.

Ich halte es für eine geradezu fatale Strategie, seine Versuche, Medieninhalte an Menschen zu verkaufen, an einen Anbieter und dessen Kunden zu koppeln. Es reicht nicht, eine tolle iPhone-App zu haben und es wird erst recht nicht reichen, seine Inhalte fürs iPad aufzubereiten. Das wäre so, als wenn Print-Verlage ihre Zeitung nur noch Kunden zustellen würden, die einen hypersupertollen aber leider außergewöhnlich teuren Briefkasten eines bestimmten Herstellers an ihre Hauswand dübeln und zusätzlich noch einen Wartungsvetrag für diesen Kasten mit monatlichen Kosten bei einem Servicedienstleister abschließen. Und der Verlag gibt dann dem Briefkastenhersteller noch ein bisschen was von der Abo-Gebühr ab. Kopfschütteln würde das bei den Verlagsmanagern auslösen, aber sicher keine Euphorie. Zu Recht.

Aber bei iPhone und iPad sollen Inhalte aufbereitet werden und diese „Apps“, also die speziellen Anwendungen, können leider nur Apple-Kunden nutzen, der Rest guckt in die Röhre. Und neben der Apple-Produkt-Anschaffung fallen noch Kosten für T-Mobile & Co. an, denn ohne Datentarif sind die Geräte kaum nutzbar. Ach ja, und eine Gebühr an den Verlag soll der Kunde ja auch noch bezahlen, für die App, die der sich mit Apple teilen muss. Und, by the way, wenn Apple mal die Konditionen ändert oder eine App aus dem Markt wirft, warum auch immer, dann guckt der Verlag in die Röhre, weil der Monopolist dafür sorgt, dass die Inhalte ausschließlich über die von ihm kontrollierten Wege auf die Endgeräte der Nutzer gelangen.

Zweifellos müssen Medien künftig ihre Inhalte im Web anbieten. Und sie müssen einen Weg finden, in irgendeiner Form angemessen daran zu verdienen. Sich aber einem einzelnen Anbieter auf Gedeih und Verderb aufzuliefern, das erscheint mir wie die sprichwörtliche Flucht vom Regen in die Traufe. Denn so wird die Zahl der potenziellen Kunden verglichen mit den Netz-Nutzern drastisch gesenkt und man ist einem wirtschaftlich übermächtigen Partner ausgeliefert, der die ökonomischen Spielregeln ganz alleine festlegt.

Ich befürchte nur, dass die wenigsten Entscheidungsträger in den Verlagen überhaupt wissen, dass es Vergleichbares zum iPhone von anderen Herstellern gibt und dass das iPad nicht lange singulär sein wird. Und deshalb würde ich mal die Befürchtung äußern, dass es nach der für viele Medienhäuser teuren Web-Euphorie Ende der 90er Jahre bald eine nicht minder teure Apple-Euphorie geben könnte. Es sei denn wir sitzen tatsächlich bald alle an Endgeräten, die einen angebissenen Apfel zeigen. Aber das halte ich nicht für sehr realistisch.

© 2017 andreas streim

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