andreas streim

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Schlagwort: Bildung

Digitalisierung ist keine Privatsache

Gibt es eigentlich noch irgendwelche Stellenanzeigen, in denen nicht IT-Kenntnisse der einen oder anderen Art verlangt werden? Also von Jobs, die man vielleicht auch haben möchte? Und kann man eigentlich noch verstehen, wie unsere Welt funktioniert, wenn man nicht Grundkenntnisse rund um Computer und Informatik hat?

Wenn man sowas sagt, bekommt man gerne auch zu hören: Nö, man braucht keine solchen Kenntnisse, man muss ein Auto auch nicht reparieren oder bauen können, um es fahren zu dürfen. Stimmt, das Blöde ist nur: Selbst um Autos zu verstehen wird man künftig weniger was von Mechanik verstehen und Schraubenschlüssel benutzen können müssen, sondern auch dafür ist bald IT-Wissen unerlässlich. Tesla spielt zum Beispiel ein Software-Update auf seine Modelle ein, wodurch diese einen Autopiloten erhalten. Nochmal: Man muss kein neues Auto kaufen, in eine Werkstatt fahren oder sowas, nein, die Software verändert die Fähigkeiten des Fahrzeugs, genau wie beim Smartphone.

Nur ein Beispiel dafür, dass unsere Wirtschaft und Gesellschaft sich rasant digitalisiert. Nur um unsere Schulen, da soll diese Digitalisierung bitteschön einen großen Bogen machen. Da sieht dann „Computer in der Schule“ immer noch so aus:

Computer in der Schule Weiterlesen

Viele Kitaplätze alleine reichen nicht

Als ich vor knapp 5 Jahren unseren großen Sohn zum ersten Mal in die Kita gebracht habe, da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Als westsozialisierter Papa hat man ja schon so sein Fragen, ob das gut sein kann, so ein winziges, kleines Kind alleine in eine so fremde Umgebung zu schicken. Mit so vielen anderen Kindern und Menschen, die sich Erzieher/in nennen. Um es kurz zu machen: wie Sohnemann (und später sein kleiner Bruder) reagiert haben, hat dieses mulmige Gefühl schnell vertrieben. Wenn etwas nicht gut für die Knirpse wäre, dann würden sie sicher nicht so freudig (zumindest die allermeisten Tage) dorthin gehen. Und wenn es nicht gut wäre, wie hätten sie da so wahnsinnig viele tolle Sachen lernen können, von denen sich Papa (und Mama) immer wieder fragt, woher können die das?

Das ist der schöne Teil der Geschichte. Wer sich aber mal viele Kitas in Berlin anschaut, die Raumsituation und vor allem die Personalsituation, dem gruselt es schon. Vor allem wenn man beobachtet, wie sich das in den vergangenen fünf Jahren, die ich überblicken kann, immer weiter zum Schlechteren verändert hat – aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier bestimmt bald mal erzähle. Luxuriöse Neubauprojekte oder Projekte, bei denen es auf ein paar (Dutzend) Millionen nicht ankommt, die sieht man in Berlin (und nicht nur da) zuhauf. Es sind ganz verschiedene Projekte, aber eines ist ihnen gemein: Sie haben ganz bestimmt nix mit Kindern oder mit Bildung zu tun.

In der Kita ist es schon so, dass der Betreuungsschlüssel eine rein theoretische Größe ist. Würde man schlicht und einfach mehr Personal finanzieren, dann wäre schon viel gewonnen. Und, ja, das würde sicher eine Menge Geld kosten. Und, nein, ich habe jetzt keinen sofortigen Vorschlag, wo das herkommen könnte, wenn mir nicht purer Populismus vorgeworfen werden soll. Aber genau dafür habe ich ja ein paar Politiker eingestellt, die diese praktischen Probleme lösen sollen habe ich ja gewählt. Und es ist meiner Meinung nach die verdammte Aufgabe deren Job, sich genau darum zu kümmern. Darum, dass Kinder in dieser Stadt die bestmögliche Bildung und Betreuung bekommen. Es wäre ihr Job dafür zu sorgen, dass Berlin dafür bekannt ist, die besten, schönsten und tollsten Kitas und Schulen zu haben, nicht die prächtigsten Schlossimitationen oder großspurigsten Großflughäfen.

Das ist nicht nur meine Meinung, sondern das sehen auch 455 Pankower Eltern und Erzieher so, die sich für einen besseren Betreuungsschlüssel an den Kitas einsetzen und dafür unterschrieben haben. 455 ist sicher noch viel zu wenig, aber wer weiß, wie mühsam es heutzutage ist, jemanden zu einer handschriftlichen Unterschrift zu überreden, der wird die Zahl anders bewerten.

Förderverein „Villa Schabernack“ e.V.
Stavangerstraße 6-8
10439 Berlin

PRESSEMITTEILUNG

Mehr als 450 Pankower Eltern unterschreiben Forderungspapier für mehr Qualität in Berliner Kitas. Die Unterschriften werden vom Kita-Förderverein „Villa Schabernack“ e.V. am 23. Juni um 16 Uhr an Ilja Koschembar, Pressesprecher für Jugend und Familie der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft in der Bernhard-Weiß-Str. 6 übergeben.

Berlin-Pankow, 22. Juni 2015: Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft bekommt Besuch: Kinder aus verschiedenen Berliner Kitas sowie Vertreter des Fördervereins „Villa Schabernack“ e.V. werden gemeinsam die gesammelten Unterschriften für einen besseren Betreuungsschlüssel in Berliner Kitas überreichen. 455 Pankower Eltern und Erzieher aus unterschiedlichen Kindertagesstätten unterstützen das Forderungspapier des Förderverein „Villa Schabernack“ e.V.

Darin fordern die Eltern und Erzieher mehr Personal und einen besseren Betreuungsschlüssel, in dem Krankheit, Urlaub und zeitlicher Mehraufwand für Organisation und Dokumentation der Erzieher/-innen angemessen berücksichtigt werden. „Eine optimale frühkindliche Förderung und eine bestmögliche pädagogische Arbeit erfordert ausreichend Personal“, sagt die Vorsitzende des Fördereins „Villa Schabernack“ e.V., Bettina Dettendorfer.

Die Fehlzeiten und der Zeitaufwand für organisatorische Aufgaben, in denen sich die Erzieher/innen nicht den Kindern widmen können, summieren sich auf 37 % der eingeplanten Arbeitszeit. Eine Aktualisierung des Betreuungsschlüssels, dessen Grundlagen auf das Jahr 1978 zurückgehen, ist längst überfällig. „Die Auswirkungen dieser Personalpolitik in Schieflage spüren Eltern ebenso wie die Kinder und die Mitarbeiter/innen in den Kitas tagtäglich: die Erzieher/innen sind überlastet, werden stressbedingt häufiger krank, haben keinen Freiraum mehr für kreative Angebote, weil die Grundbetreuung der Kinder gesichert werden muss“, so Dettendorfer.

Der Förderverein „Villa Schabernack“ e.V. verschickt das Forderungspapier „ Unsere Kinder, unsere Zukunft – aktiv für mehr Qualität in Berliner Kitas“ zusammen mit den 455 Unterschriften ebenfalls an den Berliner Finanzsenator, die Bundesbildungsministerin Manuela Schwesig und an Senats-Abgeordnete des Bezirks Pankow. „Immer wieder betonen Politiker die Bedeutung der Kinder und deren Bildung für unsere Gesellschaft. Das Berliner Bildungsprogramm liest sich auch sehr gut.“, so Dettendorfer. „Aber dir Umsetzung dessen ist nicht zum Nulltarif zu bekommen. Es ist überfällig, für eine hohe Qualität der Betreuung in den Kitas die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen und die entsprechenden Finanzmittel bereitzustellen.“

455 Unterschriften, by the way, die entgegenzunehmen die Bildungssenatorin leider, leider keine Zeit hat und in ihrer Bürgersprechstunde sich mit solchen nervigen Dingen sich mit solchen Senats-Themen nicht befassen möchte. Klar, Familienpolitik ist für den Senat zentrales Thema, wie er gerade gestern herausposaunt hat. Aber leider eben nur dann, wenn man sich nicht selbst zusammen mit echten Eltern damit auseinandersetzen muss und vor allem dann, wenn es kein Geld kostet.

Bloß keine schlauen Kinder

Manchmal hat man den Eindruck, dass Bildungspolitiker in Deutschland ihre Hauptaufgabe darin sehen, dass wir hierzulande bloß keine zu schlauen Kinder bekommen. Da gibt es eine überwältigende Mehrheit von Eltern, Schülern und sogar Lehrern, die sich vehement für ein Pflichtfach Informatik einsetzen, aber nur zwei oder drei Bundesländer, in denen sowas ähnliches Realität ist. Und jetzt? Jetzt schafft Baden-Württemberg Informatik ab – und ersetzt das Fach durch fächerübergreifende Medienbildung.

Jetzt gehört fächerübergreifende Medienbildung sicher zur Kernaufgabe der Schule, aber eben nicht auf Kosten der Informatik. Denn während es bei der einen Sache in erster Linie um Anwenderkompetenzen geht, müssen wir unseren Kindern auch Grundlagen der IT beibringen, die ihnen sozusagen (erste) Anbieterkompetenzen vermitteln. Wir brauchen nicht nur junge Menschen, die ihre Privatsphären-Einstellungen in Sozialen Netzwerken verstehen oder ihr Smartphone bedienen können, sondern wir brauchen junge Menschen, die Ideen für neue Apps haben und die wissen, wie man eine App oder Webanwendung erstellt. Ja, es geht bei Informatik nicht alleine um Programmieren, aber es geht eben auch um Programmieren. Denn in der Digitalen Welt wird künftig gelten: Program or be Programmed.

Das Problem ist: Wenn das Thema in der klassischen Bildungspolitik bleibt, dann sind die Veränderungszyklen irgendwo im zweistelligen Jahresbereich und wenn das Thema App und Plattform-Ökonomie den üblichen Weg in den Lehrplan geschafft hat, dann dürfte da draußen in der realen Welt und von den Start-ups im Silicon Valley ganz zu schweigen, schon was ganz anderes Thema sein. So wie man heute froh sein muss, dass es in fast allen Schulen Internetanschlüsse und irgendwelche Computerräume gibt. Mobile? Tablet? E-Book-Reader? Fehlanzeige. Da reden wir in 10 Jahren drüber.

Ich schaue ein wenig mit Schrecken darauf wie das wohl wird, wenn der erste Sohn in die Schule kommt. In der Kita ist Lernen noch komplett analog (außer einem Lern“computer“, auf dem ein merkwürdiges, aber sehr begehrtes Spiel läuft) und in der Verwaltung ist das Höchste der Gefühle, dass die Leitung einen Dreizeiler als Word-Dokument abspeichert und an eine Mailingliste schickt. Ja, zugegeben, hier wäre bei einer Teamfortbildung vielleicht das Thema Medienkompetenz gar nicht so schlecht. Und ehrlich gesagt würde es auch bei den Kindern gar nicht wirklich schaden, denn natürlich spielen fast alle mehr oder weniger oft auf Smartphones und Tablets der Eltern irgendwelche Sachen und man wundert sich, wie schnell sie sich das Bedienungsgrundzüge aneignen.

Aber in Berliner Schulen gilt ja eine funktionierende Toilette bereits als Luxus-Ausstattungsmerkmal. Auf Digitales und Digitalisierung mag ich da gar nicht hoffen. Ich befürchte, dass das individuell den Kindern, die wir heute in die Schule schicken, auf die Füße fallen wird, wenn sie sich die notwendigen Fähigkeiten nicht anderswo, etwa im Elternhaus, aneignen können. Und das hat dann auch Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Denn ohne Digitale Souveränität wird es in Zukunft ganz schön schwer sein, in irgendwelchen Industrien und Wirtschaftsbereichen, vom Automobilbau bis zur Luftfahrt, von der Touristik bis zur Landwirtschaft, noch ganz oben mitzuspielen und für entsprechenden Wohlstand hierzulande zu sorgen. Davon werden dann wieder alle betroffen sein, Schulen ebenso wie Rentner, Beamte ebenso wie dann vielleicht nicht mehr Berufstätige. Denn wie gestern Bundeskanzlerin Angela Merkel doch recht treffend festgestellt hat: „Many jobs will disappear because they can be replaced by machines. But I’m convinced that many more jobs will be created through the value of data.“

Letztlich heißt das: Die Digitalisierung der Schulen, die Anpassung der Lehrpläne, muss Chefsache werden. Nur so können die sich gegenseitig ausbremsenden Länder und die Zersplitterung der Bildungslandschaft (wer will digitale Lernmaterialien entwickeln für 16 verschiedene Bundesländer mit unterschiedlichen Zielen, Konzepten, Plänen etc.?) überwunden werden. Notwendig wäre dafür vermutlich ein Konsens unter den Parteien, dass es hier um eine zentrale Zukunftsfrage geht. Wir bräuchten sozusagen partei- und ressortübergreifende Medienkompetenz. Aber das ist dann vermutlich noch schwieriger zu erreichen als dichte Fenster in Berliner Grundschulen.

Lernt Python statt Latein!

Smartphones gehören für Kinder zum Alltag. Mehr als 80 Prozent von ihnen nutzen die Geräte. Damit unterscheiden sie sich wenig von den Erwachsenen. Und 9 von 10 Schülern bringen ihr Handy auch mit in die Schule, unter anderem zum Musik hören, um Tafelbilder abzufotografieren und (jeder zehnte) auch zum Spicken.

Nicht nur in in der Schule stoßen da Welten aufeinander, die Kids mit Hightech und doch noch viele Lehrer, die damit eher wenig anfangen können. Die ehrwürdige FAZ findet das alles auch ein wenig befremdlich, so befremdlich wie andere Menschen die ironiefreie Verwendung des Wortes „Schulhaus“.

Aber das alles ist nur die Spitze des Eisberges. Die Ausstattung der Schulen mit IT ist hierzulande erbärmlich. Ja, es gibt fast überall PCs, aber bei modernen Digitalgeräten wie Tablet oder E-Book-Reader sieht es tieftraurig aus. Und genutzt werden selbst die Geräte, die vorhanden sind, so viel seltener als die Fotokopie. Das haben zwei umfangreiche repräsentative Schüler- und Lehrerbefragungen ergeben, die ich beim BITKOM mit konzipiert habe, und die heute als zusammengefasster Studienbericht veröffentlicht wurden [Download kostenlos].

Kinder, lernt das lesen

Kinder, lernt das lesen

Was kann man daraus lernen? Das Schüler im Jahr 2015 in der Schule lieber eine Programmiersprache wie Java oder PHP lernen sollten anstatt Latein. Das sagt BITKOM-Vizepräsident und Arvato-Chef Achim Berg. Und damit spricht er mir aus dem Herzen – auch wenn ich persönlich für Python plädieren würde. Ich wünsche mir, dass meine Kinder in ihrer Schulkarriere in einem Pflichtfach Informatik eine solche Sprache des Digitalzeitalters vermittelt bekommen. Und bitte nicht adäquat zur PC-Ausstattung mancher Schulen Turbo Pascal. Wobei das immer noch besser wäre als nix.

Let the Kids play (and learn)

Gestern saß ich in der S-Bahn und war umgeben von vielleicht einem Dutzend 14- bis 15-jährigen Schülerinnen und Schüler, die alle ein Smartphone in der Hand hatten. ZUnächst mal nicht ungewöhnlich. Aber sie haben alle auch noch das Gleiche getan – nämlich Quizduell gespielt. Das ergab dann Dialogfetzen wie „Boah! Wusstest Du, dass die Kiwi ursprünglich aus China kommt?“ Oder „Zwei Zentimeter? Wer soll denn das wissen?“

Kurzer Realitätsabgleich: Kann man sich vorstellen, dass eine ähnliche Schülergruppe in der Bahn sitzt und sich gegenseitig aus ihrem Erdkundebuch vorliest? „Wusstest Du, dass der Amazonas der längste Fluss…“ Nee, nicht wirklich.

Was zeigt das? Mit den entsprechenden Anreizen – Stichwort: Gamification – und einer Mischung von nützlichem und unnützen Wissen (wie lange war Postar X, der mir völlig unbekannt ist, mit seiner Partnerin Y zusammen?) gelingt es, auch „echtes“ Wissen spielerich rüberzubringen. Chemie, Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde zum Beispiel. Eigentlich müssten die Kultusministerien der Länder die Macher der App mit Fragen-Vorschlägen zuschütten oder, noch besser, gleich eine Kooperation vereinbaren. Aber das wird – natürlich – ein Wunschtraum bleiben.

Fräulein Krise bloggt

Heute erst entdeckt. Ein wunderbares Blog über die Erlebnisse einer – wahrscheinlich nicht ganz – alltäglichen Lehrerin: frl. krise interveniert. Ein ganz eigener Einblick in unser Bildungswesen.

Unbedingt lesen! (Und merken, wenn man wieder wer sagt, anonyme Texte im Netz sind doch eh Müll.)

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