andreas streim

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Schlagwort: Handel

Der Einzelhandel vor Ort hat es verkackt

Ich Hotel mit Wellnessbereich Sankt Anton am Arlberghabe von meinen Eltern zum Geburtstag eine Mikrowelle geschenkt bekommen. Also nicht so wirklich, sondern mehr so virtuell. In Form eines Geldbetrages damit ich den tatsächlichen Kauf selbst vollziehe. Jetzt bin ich überzeugter Online-Händler-Nutzer und gehe nicht so gerne zum stationären Einzelhandel vor Ort, aus diversen Gründen. Aber ich hatte mit einer guten Freundin auf Facebook gerade eine kleine Kabbelei, ob es den richtig ist, dass die Gewerkschaft Verdi es vor Gericht verhindert hat, dass an drei bestimmten Sonntagen im ersten Quartal in Berlin die Geschäfte offen haben dürfen.

Sie war der Meinung, die Beschäftigten im Einzelhandel klagten schon heute über Arbeitsverdichtung und wollten lieber frei als Arbeit mit Sonntagszuschlag. Ich vertrat die Ansicht, dass es Aufgabe der Gewerkschaft wäre, für ordentliche Zusatzentlohnung und passenden Freizeitausgleich bei solchen Öffnungen zu sorgen, dass so ein offenes Geschäft am Sonntag aber für den stationären Handel doch die Chance wäre – verglichen mit der Online-Konkurrenz, die dann eben nicht ausliefern kann. Ich stehe immer noch zu der Meinung, glaube allerdings inzwischen leider: der stationäre Handel hat längst verkackt. Weiterlesen

Online 3 : Stationär 0

Der stationäre Handel hat es gegen den Online-Handel schwer. Das ist nicht nur eine Frage des Warenangebots oder dass mit der zunehmenden Verbesserung der Logistik (Stichwort: Over-Night-Express, Same day delivery) die im Netz ausgesuchten Waren nicht unwesentlich später da sind als wenn ich warte, bis ich mal Zeit für ausgiebiges Shopping habe.

Nein, auch bei Beratung und Service hängt der Online-Handel den stationären Handel zunehmend ab. Ich persönlich lese lieber zehn Online-Rezensionen eines Produkts und wäge deren Wahrheitsgehalt gegeneinander ab, als dass ich mir von einer studentischen Aushilfe die Vorzüge des Elektronikgeräts erklären lasse. Wenn dann nur der Prospekt vorgelesen wird, ist das oft nicht die schlimmste Variante. Und ganz ehrlich schau ich mir lieber zwei, drei Test-Videos auf Youtube zum neuen Smartphone an anstatt es im Laden unter Nicht-Alltags-Bedingungen ohne die richtigen Apps installieren zu können an der Kette selbst „auszuprobieren“.

Auch bei Problemen schlägt zumindest mancher Online-Händler die Konkurrenz um Längen.

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9 to 6

Liebe UPS-Planungsabteilung,

es ist total super, dass ihr Pakete, die ihr nicht zustellen könnte, in einem Geschäft in der Nähe abgebt. Damit ich es mir selbst abholen kann. Weniger super ist die Auswahl eurer Partner.

Wenn ihr Freitagmittags ein Paket zustellt und es dann hier abgebebt:

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Was fällt dann auf? Genau, der Laden macht um 18 Uhr zu. Also in Zeiten verlängerter Ladenöffnungszeiten eher früh. Und was fällt noch auf? Der Laden hat samstags geschlossen. GESCHLOSSEN. Das bedeutet, man kann seine Pakete von Montag bis Freitag von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends abholen. Also ziemlich genau zu den Zeiten, in denen normale Leute halt arbeiten und nicht irgendwo Pakete einsammeln können.

Ich glaube ja, die größte Chance des stationären Handels gegenüber dem Online-Handel sind inkompetente Logistikunternehmen, bei denen das Thema Kundenfreundlichkeit ungefähr soweit oben auf der Agenda steht wie früher bei der Bundespost. Das größte Risiko des stationären Handels ist dabei aber, dass es Logistikunternehmen gibt, die den Schuss gehört haben – und es irgendwann halt kein Ups mehr gibt.

Für mich ist der Hinweis „Zustellung mit Ups“ auf jeden Fall künftig ein K.o.-Kriterium, wenn ich irgendein Produkt kaufen will.

Das mit dem Handel wird nix mehr

Es gibt Tage, an denen würde man gerne etwas kaufen und sofort mit nach Hause nehmen. Das kann viele Gründe haben. Zum Beispiel weil der Sohn sich in den Kopf gesetzt hat, dass er eine Uhr im Kinderzimmer haben möchte, an der Wand. Und zwar um zu versuchen, so lange im Bett wach zu liegen, bis das Spiel der Frauenfußball-Weltmeisterschaft um 22 Uhr anfängt. Aber der Grund ist jetzt eigentlich nicht so wichtig. Nur dass wir diese Uhr am Samstag kaufen und haben wollen und nicht erst am Dienstag oder Mittwoch. Naja, immerhin wohnen wir ja in einer großen Stadt. Das ist ein Vorteil, schließlich gibt’s ja hier viele Geschäfte. Aber das ist auch ein Nachteil, denn die Stadt ist halt groß und die Wege sind weit. Aber fahren wir halt die paar Stationen mit der U-Bahn zum Alexanderplatz, da ist ein großer, schöner Kaufhof und das Warenhaus zeichnet sich doch dadurch aus, dass man dort alles bekommt. Unter einem Dach.

Man bekommt auch eine ganze Menge, zum Beispiel sündhaft teure Chronometer für jede Gelegenheit oder in der Spielwarenabteilung ganze Regalmeter in Prinzessin Lillyfee oder Captain Sharky. Aber keine einzige Wanduhr. Lapidare Auskunft: Führen wir nicht. In nahegelegenen Elektromärkten zeigt sich, dass die Idee eine Uhr für die Wand zu kaufen ungefähr so naheliegend ist wie ein Röhrenradio aufzutun. Uhren für die Wand, so meine These, sind ein Auslaufmodell. Die Digitalisierung wird diese Produkte verdrängen, die Zeitanzeige ist ein Nebenprodukt von Smartphone, Smartwatch & Co. Und bald wird uns unser persönlicher digitaler Assistent eh abnehmen, noch auf die Uhr zu schauen, und uns einfach erinnern, was wir als nächstes tun müssen wollten.

Und wenn man so ein simples Ding wie Wanduhr für Kinderzimmer haben will, dann steht man in so einem Konsumtempel, der sich gerne selbst nach den US-Vorbildern Mall nennen würden, wie dem „Alexa“ echt ziemlich blöd da. Wo könnte es sowas geben? Welche Produktkategorie auf der Hinweistafel (Kinder? Freizeit? Elektrogeräte?) könnte nur in die Nähe einer Lösung führen?

Die Lösung kommt dann durch Hunger des Kindes, dem Wunsch nach Heimweg und dem Vorhandensein der Amazon-App auf dem Smartphone. Dort führt die simple Eingabe „Uhr Wand Kinderzimmer“ zu einer ganzen Reihe von Treffern, aus denen man die ganzen schlecht bewerteten („Uhrwerk viel zu laut“) einfach aussortieren kann und noch genug Auswahl hat.

Bilanz: gut 2 1/2 Stunden durch die Stadt gelaufen, ergebnislos. Nicht mal zehn Minuten gesurft und geklickt, Uhr gefunden und gekauft. Der Online-Handel hat mal wieder den stationären Handel geschlagen, und die zwei, drei Tage Lieferzeit überbrücken wir mit dem Ausleihen unserer Küchenuhr ans Kinderzimmer, für die Nächte.

© 2018 andreas streim

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