andreas streim

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Schlagwort: Zeitung

Endlich mal Boulevard

Früher, als ich noch in der kleinen Zeitung am Rande der Stadt gearbeitet habe, war der Polizeibericht eine undankbare Aufgabe. Den hat man gerne mal dem Volontär oder dem Spätdienst aufgedrückt. Aus den manchmal doch arg holprigen Sätzen der Polizeipressestelle eine spannende Nachricht zu machen ist nicht einfach, vor allem wenn „ein Honda und ein Opel Corsa auf der Kreuzung kollidieren. Es entstand leichter Blechschaden“. Oder so.

Heute ist das alles anders. Heute knallt, kracht & crasht es nicht nur im Boulevard, auch in den Qualitätsmedien.

Crash Peng Bumm

Und wenn man da gleich noch das Thema Selbstmord elegant mit verpacken kann, hey, da wird doch wohl ein Klick drinsein, für die Statistik. Bei dem Anreißer? Ja, ich hab geklickt. Und es wird genau das geschrieben, was man erwartet hat. Deshalb gibt es jetzt hier auch keinen Link.

Ein zu früher Abgesang

Christian Jakubetz hat sich Gedanken über die Zukunft der (gedruckten) Tageszeitungen gemacht und diese in „10 Thesen“ gepackt. Wieder mal Thesen, könnte man sagen. Wieder mal eine Zukunftsvision in den düstersten Farben.

Was mir allerdings gefallen hat: Jakubetz hat sich nicht, wie so oft, an den Prominenten der Branche, den überregionalen Blättern, abgearbeitet, sondern er legt den Fokus auf die regionalen Zeitungen. Und er legt den Finger in die Wunde, etwa wenn er über Personalabbau spricht, der immer mit Qualitätseinbußen einhergeht, oder über Führungspersonal, das Internet immer noch dafür hält, dass man bei Google eine Webseite findet.

An manchen Stellen irrt er meines Erachtens abe auch – womöglich, damit die Generalthese vom Ende der Zeitung(en/sverlage) aufgeht. Zum Beispiel wenn er schreibt:

Tageszeitungen hätten in diesem Segment ein massives Kompetenzproblem. Niemand würde dem “Schwarzwälder Boten” oder der “Passauer Neuen Presse” ähnliche inhaltliche Kompetenz zugestehen wie dem “Spiegel” oder der “FAS”. Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache, dass man Hintergründe, Analysen, Kommentare möglicherweis eher einmal pro Woche geballt lesen will als jeden Tag.

Widerspruch, euer Ehren. Wer dem „Spiegel“ oder der geschätzten „FAS“ für das, was im Land Brandenburg vor sich geht, mehr Kompetenz zutraut als der „Märkischen Allgemeinen“, mit dem würde ich mich gerne einmal unterhalten. Vieles, was in den überregionalen Blättern Wochen später aufgegriffen wird, ist doch – freundlich formuliert – aus vorheriger regionaler und lokaler Berichterstattung destiliert worden. Und einen Kommentar oder eine Analyse über den Bürgerhaushalt in Potsdam wird der geneigte Leser im Netz vermutlich nur aus der Berichterstattung der Lokalzeitung finden, kaum bei der „NZZ“ oder der „Zeit“.

Richtig ist, dass man sich auf dieser – realen! – lokalen Stärke nicht ausruhen darf. Die Konkurrenz, die früher wegen hoher Druck- und Vertriebskosten keine Chance hatte, steht womöglich vor der Tür, wie Jakubetz feststellt:

Fragt man die Macher von Regionalzeitungen nach ihren eigentlichen Stärken, wird sofort das Lokale genannt. Was auch richtig ist, aber auch hier wiederholt sich gerade Geschichte: Sie ruhen sich auf dieser Stärke und diesem vermeintlichen Monopol aus, übersehen aber, dass auch der Lokaljournalismus sich wandeln wird. Er wird hyperlokal, er geht ins Netz.

Man muss aber dazu sagen, dass dies auch nur für Regionen gelten wird, die zumindest eine bestimmte Größe / Einwohnerzahl und wirtschaftliche Stärke haben. Denn auch diese hyperlokalen Angebote werden sich über kurz oder lang refinanzieren müssen.

Ein Aspekt wird meines Erachtens in den „10 Thesen“ allerdings völlig übersehen, einen großen Vorteil von (regionalen) Tageszeitungen, den es vielleicht gilt, stärker herauszustreichen. Natürlich kann ich heute im Netz dort die beste politische Analyse zu den USA finden, hier die detaillierteste Sportberichterstattung über meinen Lieblingsverein, ein paar Klicks weiter wieder das feinsinnigste Feuilleton durcharbeiten um dann noch schnell bei der Regionalzeitung die Heimatnachrichten zu lesen. Das alles kostet aber Zeit und erfordert Recherche (wo finde ich was eigentlich?) – und genau das ist etwas, wofür Leute schon immer ihre Zeitung bezahlt haben. Nämlich dass sie aus dem viel zu umfassenden Weltgeschehen eine Vorauswahl für mich trifft.

Es mag sein, dass heute angesichts der Altersstrukturen in Redaktionen, die Jakubetz kritisiert, diese Auswahl nicht mehr dem entspricht, was (potenzielle) Leser sich wünschen. Möglich. Aber daran, dass ich gerne jemanden bezahle, der mir diese Auswahl abnimmt, ändert das nichts.

Und die Zeitungslektüre sorgt dafür, dass ich erst auf Themen stoße. Ein Korrespondentenbericht über zwei Protagonisten der „Tea Party“ in den USA neben der Geschichte, dass immer mehr Jugendliche in Brandenburg zu Hause keine warme Mahlzeit bekommen als Beispiel aus der heutigen „Märkischen Allgemeinen“. Abgesehen davon, dass der zweite Text eine exklusive Geschichte ist, die ohne die Zeitung nirgendwo stünde, wäre zumindest ich nicht darauf gekommen, mir genau das heute anderswo zusammenzulesen.

Mir ist die 10. Fazit-These deshalb zu negativ:

Es gibt kein schlagendes Argument mehr für die Tageszeitung alter Prägung. Man kann sie lesen, muss man aber nicht. Sie ist zu langsam, um aktuell zu sein. Sie ist zu sehr im Platz limitiert, um umfangreich zu sein. Sie ist zu sehr generalistisch, zu wirklich in allen Bereichen kompetent zu sein. Sie wird in angestammten Märkten an vielen Rändern bedrängt, hat aber nicht die Option, selbst andere in ihren Märkten anzugreifen. Sie hat häufig über viele Jahre nur reagiert, statt zu agieren. Überleben werden die, die von ihren Lesern aus Überzeugung und Begeisterung gekauft werden. Das ist eine Minderzahl. Verabschieden werden wir uns von denen müssen, die Journalismus nur verwalten – statt ihn zu machen.

Die Zeitung als Dienstleister der Nachrichtensammlung, Gewichtung, Verarbeitung und Aufbereitung hat aus meiner Sicht gerade im Lokalen/Regionalen eine Zukunft. Allerdings ist richtig, dass man nicht einfach so weitermachen kann wie bisher – und gleichzeitig die bisherigen Leser, die womöglich jenseits der 60 nicht stundenlang im Internet surfen, nicht alleine lassen darf. Sicher ist dabei, dass die Zukunft digital ist und im Netz liegt. Und dass zu wenig Führungspersonal und Redaktionsverantwortliche selbst dort Erfahrungen sammeln, sondern eher beim Thema „alle Medienkanäle bedienen“ im Jahr 2010 noch von „SMS-Nachrichten“ sprechen.

Ein Politik- oder Wirtschaftsredakteur der erklärt, er schaue grundsätzlich kein Fernsehen und höre Radio nur dann, wenn es sich nicht verhindern lässt, würde wohl kopfschütteln ernten. Wer erklärt, noch nie auf Facebook gewesen zu sein, Twitter ohne eigene Anschauung zu irrelevantem Geplapper erklärt und glaubt, dass auf Youtube ja eh nur pubertierende ihre Alkoholexzesse dokumentieren, der darf sich auf wohlwollendes Kopfnicken einstellen. Und wenn man dann noch zwei kluge Sätze über „Second Life“ und „diese Apps von Apple“ fallen lässt, die man bei der letzten Medienkonferenz von einem Keynote-Sprecher aufgeschnappt hat, der gilt vermutlich sogar als ausgewiesener Experte dieser „neuen Medien“.

Die Zeitung darf nicht sterben

Das Böse an dem Spot ist ja, dass vor allem der Einwand, dass in vielen Zeitungen immer weniger originär eigener Inhalt steckt, zutrifft. Und gerade in der Krise wird viel getan, dass es am Ende noch weniger ist, dafür wird dann noch billiger produziert.

Auf der anderen Seite bin ich fest überzeugt, dass es gerade für regionale und lokale Nachrichten in Zeitungen keine wirkliche Alternative im Netz gibt. Zumindest sind mir noch keine Blogs etc. aufgefallen, die die Nachrichtenlage in Brandenburg – auch in Ausschnitten – so wiedergeben, wie eine Zeitung wie die „Märkische Allgemeine“ das tut. Und wenn man mal glaubt, ein solches Blog gefunden zu haben, stellt man fest, dass vor allem Nachrichten aus Zeitungen verlinkt und kommentiert werden.

Aber der Spot hat mir trotzdem gefallen.

via: Indiskretion Ehrensache

Pressespielgel für alle

Heute hatte ich tatsächlich meine erste „niiu“ im Briefkasten. Meine was? Muss man vielleicht im Moment noch erklären, was das ist. Das Kunstwort, das an „News“ erinnern soll, ist ein Startup, dass den Traum (mancher Leute) von einer personalisierten Zeitung real werden lassen will. Eine Zeitung, bei der man selbst entscheidet, was man liest.

Wobei „niiu“ eigentlich keine neue Zeitung ist, sondern man kann aus einer Reihe von Zeitungen, die mitmachen, auswählen, welche Seiten man lesen will. Also etwa die Seite 1 der „Osnabrücker Zeitung“, die Seite 1 der „Bild“, dazu den Wirtschaftsteil von „Neuem Deutschland“ und „Tagesspiegel“, die Kommentare aus der „New York Times“ und zum Schluss das Feuilleton aus der „Frankfurter Rundschau“. Wer sich für Sport nicht interessiert, der bestellt eben keinen Sportteil. Und wer davon mehr will, der nimmt gleich die Teile mehrerer Zeitungen.

Allerdings hatte ich meine Ausgabe vor einer Woche zusammengestellt und schon die Hoffnung auf Lieferung aufgegeben. Einen Hinweis, wann der Bezug startet, wäre sicher nicht schlecht gewesen. Aber, nun ja, es ist eben ein junges Startup.

Und wie sieht meine „niiu“ nun aus? Fotos liefere ich nach, geht im Moment schlecht. Update: Fotos nun eingebaut, sorry für die maue Handy-Kamera-Qualität.

Titelseite

Titelseite

Erster Eindruck: Die Titelseite ist nicht sehr ansprechend. Oben die Leisten der beteiligten Zeitungen (eine Auswahl), ein merkwürdiges Bild und darunter recht lieblos 2/3 der Seite mit irgendwelchen News aus dem Internet gefüllt, die man auch abonnieren musste, von denen ich aber eigentlich nix gedruckt haben wollte.

Zweite Seite

Zweite Seite

Auf Seite 2 geht’s dann los, in meinem Fall mit der Titelseite der „Osnabrücker Zeitung“, daneben auf Seite 3 dann die erste Seite der „Bild“. Und da kommt dann auch eine echte Schwachstelle zum Tragen: Da ist die Top-Geschichte mit ein paar Sätzen abgehandelt und dann steht da, dass es auf Seite 6 weitergeht. Aber das ist eben die Seite 6 der „Bild“, nicht die meiner „niiu“. Und die Seite 6 der „Bild“ habe ich nunmal nicht. Unschön.

Zweiter Eindruck: Sehr unruhig. Auf jeder Seite ein anderer Schrifttyp, anderes Layout, weil die Originalseiten der Zeitungen nun mal 1:1 abgebildet werden und nicht in ein neues Layout gepresst werden – was wohl auch kaum umsetzbar wäre. Wobei, es ist nicht 1:1, wie man rasch merkt. So ist die Seite der „Bild“, die im Original auf größerem Papier gedruckt wird, einfach verkleinert worden, damit sie passt, was manchen Text doch schwer lesbar macht. Dafür sind die Seiten der „Frankfurter Rundschau“, die ja im Tabloid-Format erscheint, aufgeblasen worden, wodurch die Schrift arg unnatürlich groß wird. So richtig Spaß zu Lesen macht das nicht.

Dritter Eindruck: Da fehlt doch was. Meine bestellten Seiten aus der „New York Times“ waren nicht dabei, warum weiß ich nicht. Vielleicht weil vier Seiten Werbung eines Elektronikmarkts dabei waren? Oder gab es technische Probleme? Oder wurden sie vergessen? Etwas unbefriedigend, das nicht zu erfahren.

Letzter Eindruck: Auf der letzten Seite ist wieder so ein Internet-Krimskrams, den ich echt nicht brauche. Das sind irgendwie zwei verschenkte Seiten, vorne und hinten.

Mein Fazit: Auf mich wirkt „niiu“ nicht wie eine neue Zeitung, sondern eher wie ein Pressespiegel für alle. Ob sich das bei Normalzeitungslesern durchsetzen wird, wage ich zu bezweifeln, vor allem wegen der ersten Schwachstelle, der Artikel, die nirgendwo fortgesetzt werden. Für professionelle Zeitungsleser kann es vielleicht eine Möglichkeit sein, günstig an Auszüge verschiedener Blätter zu kommen. Aber ob der Markt dafür groß genug ist?

Außerdem ist die Auswahl der Zeitungen noch nicht wirklich berauschend. Mit der steht und fällt aber am Ende, ob „niiu“ genug Leser finden wird. Ein Zusatznutzen wäre, wenn ich die Zeitung nicht unbedingt (nur?) gedruckt bekommen müsste, sondern zum Beispiel auch als PDF. Das sollte ja eigentlich umsetzbar sein.

Zwei Ausgaben von „niiu“ bekomme ich noch kostenlos. Wahrscheinlich werde ich sie dann auch erstmal nicht weiterlesen. Aber beobachten werde ich das Projekt sicher.

P.S. Allerdings kann man an der journalistischen Kompetenz der „niiu“-Macher schon zweifeln, wenn ich da eben auf der Homepage den Hinweis lese:

Ist niiu heute im Fernsehen: in den besten Nachrichten der Welt: Um 20:00 Uhr bei RTL II….

Vielleicht bin einfach doch nicht die Zielgruppe dieses Erzeugnisses…

Update, 24.11.2009:
Heute hat mir meine zweite Ausgabe viel besser gefallen. die „New York Times“-Meinungsseite war dabei. Gut fände ich, wenn Wirtschaftsteile und Börsenseiten beim Bestellen zu unterscheiden wären; ich mag zwar vielleicht zwei oder drei Wirtschaftsteile lesen, aber nicht zwei oder drei Börsenseiten, eine ist mir eigentlich in der „niiu“ schon zu viel.

Und dann habe ich heute auch noch eine leere Seite bekommen, das ist hoffentlich nur ein technisches Problem gewesen:

Leere Seite

Leere Seite

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