Dieses 140-Zeichen-Ding

Weil es gerade so gut zu meinem Text “Liebe Zeitung, so wird das nichts” passt, hier eine hübsche, wenn auch etwas ältere Studie zu Twitter.

34 Prozent aller deutschsprachigen Tweets verweisen nämlich auf klassische redaktionelle Inhalte. Im Mittelpunkt: Nachrichten.

Und, ja, Eilmeldungen erklären nicht die Hintergründe der Finanzkrise. Aber sie erzählen uns vielleicht, dass Bank XY gerade pleite ist. Und das ist ja auch was.

Wenn Journalisten Python statt Artikel schreiben

Ich bin seit zwölf Jahren hauptberuflich Journalist, fast ausschließlich bei einer Tageszeitung in der Print-Redaktion. Seit geschätzten 25 Jahren bin ich aber auch Hobby-Programmierer. Basic, Pascal, C, Java, Python – was sich eben gerade eignet oder es zur jeweiligen Zeit auf dem jeweiligen System überhaupt gab. Und seit inzwischen auch einigen Jahren blogge ich, twittere ich, treibe ich mich an den digitalen Orten rum, die heute unter “Social Media” zusammengefasst werden.

Insofern verwundert es kaum, dass ich mit großem Interesse verfolge, was der “Guardian” so treibt. Wie Printprodukt und digitale Welt verwoben werden, wie im Netz experimentiert wird – mit offenen Schnittstellen zu den eigenen Artikeln, Datenvisualisierung oder zuletzt mit dem @GuardianTagBot auf Twitter.

Der @GuardianTagBot beantwortet an ihn gerichete Fragen mit Artikeln aus dem Online-Angebot des “Guardian”. Wenn man also twittert “@GuardianTagBot How is the situation in Bangkok” dann bekommt man per Twitter eine Antwort, die einen Link auf eine Seite enthält, auf der der TagBot relevante Suchergebnisse zusammengefasst hat. (Das @GuardianTagBot in der eigenen Nachricht ist nötig, damit sich der kleine digitale Helfer überhaupt angesprochen fühlt.)

Im Prinzip nutzt der TagBot nur die Suchfunktion auf der “Guardian”-Seite und die interne Verschlagwortung der Texte. Und er versucht aus umganssprachlich gestellten Fragen die relevanten Suchbegriffe herauszufiltern.

Einem Journalisten mit ein paar Programmierkenntnissen stellt sich da die Frage: Kann man das nicht auch machen?

Man kann. Der @brandenbot beantwortet deutschsprachige Fragen, vorzugsweise mit Bezug zum Bundesland Brandenburg, unter Rückgriff auf die Online-Ausgabe der größten Brandenburger Tageszeitung, der “Märkischen Allgemeinen” (die nicht zufällig mein Arbeitgeber ist, aber der @brandenbot ist dennoch ein reines Freizeit-Projekt).

Hinter dem @brandenbot verbirgt sich ein kleines Pyhton-Skript von etwa 200 Zeilen, das eigentlich nur folgendes tut:

  • auf Twitter horchen, ob eine Frage an ihn gestellt wird
  • aus der Frage die relevanten Suchworte identifizieren
  • eine Suchabfrage starten und die komplette Rückmelde-Seite auslesen
  • den Seiteninhalt auswerten, bestimmte Suchergebnisse (wie dpa-Tagesvorschauen) verwerfen, doppelte Einträge ausfiltern und das Ergebnis neu zusammensetzen
  • weil pro Seite nur 20 Ergebnisse ausgegeben werden, gleich noch – sofern vorhanden – die zweite Ergebnisseite auswerten
  • eine neue HTML-Seite in einer für Mobilgeräte lesbaren Form erzeugen, die neben kurzen Anrissen den Link auf den Volltext bei der “Märkischen Allgemeinen” enthält, und auf einen Server hochladen
  • per Twitter den Fragesteller über den Link zur Ergebnisseite informieren

Nach ca. einem Tag Arbeit kann der @brandenbot Fragen beantworten wie

@brandenbot Wann ist Richfest im Potsdamer Landtag?

@brandenbot Wie haben FC Bayern München und Nürnberg gespielt?

oder

@brandenbot Gibt es Wölfe in Brandenburg?

Die ersten Ergebnisse sind in diesen Beispielen bereits aussagekräftig. Da der @brandenbot nicht auf Schlagworte o.ä. zurückgreifen kann, sondern sich auf eine Volltextsuche stützt, wird bei einer Frage nach “Merkel” auch ein Text weit oben angezeigt, der einen Fußballschiedsrichter namens “Merkel” enthält, neben sehr vielen Treffern zur Bundeskanzlerin.

Man muss den @brandenbot übrigens nicht mit vollständigen Sätzen füttern. Gerne beantwortet er auch klassische Suchanfragen wie “@brandenbot Dienstwagen Brandenburg Platzeck”.

Probieren Sie den @brandenbot doch einfach mal aus und stellen Sie ihm eine Frage (und schreiben Sie mir Ihre Meinung in die Kommentare hier) – aber vergessen Sie nicht, dass es sich nur um eine Spielerei handelt um zu zeigen, mit wie wenig Aufwand solche Aufgaben eigentlich zu lösen sind.

Update 4.11.2011:

Der @brandenbot beantwortet jetzt auch Mails, die an brandenbot [ät] streim.de gerichtet sind. Die Frage muss in der Betreffzeile stehen, zum Beispiel “Was ist mit dem Referendum in Griechenland?”. Der Text der Mail kann leer sein, er wird ignoriert.

Der @brandenbot schickt dann an binnen 3 bis 5 Minuten eine Antwort an die Email-Adresse, von der die Frage kommt.

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch – das würde ich von mir selbst natürlich nicht einfach so sagen. Und ich glaube auch nicht, dass es stimmt. Aber es gibt jemanden, der würde das vermutlich anders sehen: Hardy Prothmann, Journalist und Unternehmer, brancheninterner Vorzeige–Blogger.

Herr Prothmann schreibt in einem Blogbeitrag einen recht langen Text – im Netz würde man es gemeinhin wohl als Rant bezeichnen – darüber, warum er keinen Funken Solidarität mit den streikenden Zeitungsredakteuren hat. Und warum dieser ganze Berufsstand sowieso, ich fasse jetzt mal frei zusammen, Abschaum ist.

Das liest sich dann so:

Deswegen hat es sich auch schon mit meiner Solidarität gegenüber den Zeitungsredakteuren. Ich werfe den meisten von ihnen Kumpanei, Mittäterschaft, Honorar-Dumping, Untertanentum, Eitelkeit, Überheblichkeit, Weltentrücktheit und Respektlosigkeit vor. Sie sind Teil eines mafiosen Systems und haben solange still gehalten, solange sie ihren Teil der Beute abbekommen haben. (…)

Es gibt keinen unsolidarischeren Haufen als diese Zeitungsredakteure, die sich einen Dreck drum scheren, wie es “ihren” freien Mitarbeitern geht. Meist erlebt man Arrogantlinge, die vor Selbstüberheblichkeit kaum noch laufen können und mit ihrer Schere im Kopf ständig bemüht sind, keinen Ärger zu bekommen, statt “Anwalt des Lesers” zu sein und “Missstände aufzudecken”. (…)

Man kann vermuten, dass einige Redakteure bei Tageszeitungen journalistisch auch einfach zu inkompetent sind, um dieses Zusammenhänge verstehen zu wollen, geschweige denn zu sehen.

Und wenn Leserinnen und Leser wüssten, wie respektlos und despektierlich sich “Redakteure” oft über ihre Kunden auslassen – sie wären entsetzt. “Die da draußen” sind für viele Redakteure einfach nur dumme Leute.

etc. pp.

Demgegenüber wird der fleißige Freie gestellt, der nur dem journalistischen Ethos verpflichtet ist, absolut druckfertige und auf Zeile geschriebene Texte abliefert, und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist wird.

Es wäre billig mit den Beispielen aus dem Arbeitsalltag zu kontern, in denen ein Freier statt zu recherchieren nur mit einer Person redet, am besten noch am Telefon, und das dann runterschreibt. In einer Sprache, die entfernt an Deutsch erinnert. Und das Ergebnis per Mail schickt, wodurch die Länge nicht so ganz mit dem Vereinbarten übereinstimmt. Oder den eigenen Verein / Freund ins beste Licht rückt bzw. den Lieblingsgegner mal wieder so richtig in die Pfanne haut. Und grantig wird, wenn der Redakteur das hinterfragt, kritisiert, redigiert.

Nein, das würde nicht weit genug führen. Diese Verallgemeinerung der Tageszeitungsredakteure – auch wenn bemüht häufig von “die meisten” gesprochen wird, ohne Zahlen zu nennen (die es ja auch nicht gibt) – funktioniert nicht, genauso wenig wie mit “die meisten Ärzte sind nur geldgierige Porschefahrer”, “die meisten Anwälte sind Schweine, denen alles Recht ist, wenn sie nur ihr Honorar bekommen”, “die meisten Polizisten sind Rassisten und geil darauf, mal ordentlich zuzuschlagen”. Ein guter Journalist sollte eigentlich schon früh in seinem Berufsleben gelernt haben, sich vor solchen Verallgemeinerungen zu hüten. Und vor der inflationären Benutzung von “die meisten”, wenn man keine Quelle angeben kann.

Ja, Redakteure sind Angestellte die (in der Regel) das tun, was ihnen Vorgesetzte anweisen. Wie in jedem Betrieb. Weil sie ihren Job behalten wollen – was für mannchen offenbar an sich schon verwerflich ist. Sie zahlen die Sätze, die eine Honorarrichtlinie vorsieht und legen nicht einfach mal einen Fuffi oder Hunni drauf, weil der freie Kollege sich so bemüht hat. Sie drucken kürzere Texte als ursprünglich geplant waren, weil ihnen eine Anzeigenabteilung plötzlich eine Anzeige auf die Seite gesetzt hat (durch die Gehälter und Honorare bezahlt werden).

Ja, Redakteure sprechen manchmal abwertend über andere, auch über Leser. Allerdings auch über Chefredakteure und Geschäftsführer, hin und wieder. Wer allerdings schon einmal Ärzte über ihre Patienten, Anwälte über ihre Mandanten oder Politiker über die Wähler hat reden hören, der dürfte wissen: das ist etwas ziemlich normales. Frustabbau. Und ich kenne sogar Freie, die sich abfällig über Leser geäußert haben. Und, ja, sogar Online-Journalisten, die so über die Internet-Kundschaft sprechen.

Ja, es gibt Redakteure, die ihre kleine Macht gegenüber den Freien ausleben. Das sind aber meistens solche Charaktere, die sich gegenüber festangestellten Kollegen oder Redakteuren, über denen sie stehen, auch nicht anders verhalten. Aber es gibt auch Redakteure die sich bemühen, den vorhandenen Spielraum – der immer kleiner wird – auszuschöpfen und versuchen, fair mit Freien, die sie als Kollegen ansehen, umzugehen. Ich kenne sogar einige von ihnen.

Ich glaube übrigens nicht, dass es bei der Polemik gegen Redakteure darum ging, auf irgendwelche Missstände hinzuweisen oder gar auf Besserung hinzuwirken. Sondern vor allem um Aufmerksamkeit, Klicks, Interviewanfragen, Publicity, Marketing. Und das ist ja auch gelungen. Irgendwie finde ich das ziemlich unsolidarisch und arrogant. Aber unfähig, das ist es wirklich nicht.

Ich habe die erste Fassung des Textes ein wenig überarbeitet, nachdem wir der Autor der Polemik eine Nicht-Drohung hat zukommen lassen. Dazu hier mehr.

Ein zu früher Abgesang

Christian Jakubetz hat sich Gedanken über die Zukunft der (gedruckten) Tageszeitungen gemacht und diese in “10 Thesen” gepackt. Wieder mal Thesen, könnte man sagen. Wieder mal eine Zukunftsvision in den düstersten Farben.

Was mir allerdings gefallen hat: Jakubetz hat sich nicht, wie so oft, an den Prominenten der Branche, den überregionalen Blättern, abgearbeitet, sondern er legt den Fokus auf die regionalen Zeitungen. Und er legt den Finger in die Wunde, etwa wenn er über Personalabbau spricht, der immer mit Qualitätseinbußen einhergeht, oder über Führungspersonal, das Internet immer noch dafür hält, dass man bei Google eine Webseite findet.

An manchen Stellen irrt er meines Erachtens abe auch – womöglich, damit die Generalthese vom Ende der Zeitung(en/sverlage) aufgeht. Zum Beispiel wenn er schreibt:

Tageszeitungen hätten in diesem Segment ein massives Kompetenzproblem. Niemand würde dem “Schwarzwälder Boten” oder der “Passauer Neuen Presse” ähnliche inhaltliche Kompetenz zugestehen wie dem “Spiegel” oder der “FAS”. Zudem liegt es ohnedies in der Natur der Sache, dass man Hintergründe, Analysen, Kommentare möglicherweis eher einmal pro Woche geballt lesen will als jeden Tag.

Widerspruch, euer Ehren. Wer dem “Spiegel” oder der geschätzten “FAS” für das, was im Land Brandenburg vor sich geht, mehr Kompetenz zutraut als der “Märkischen Allgemeinen”, mit dem würde ich mich gerne einmal unterhalten. Vieles, was in den überregionalen Blättern Wochen später aufgegriffen wird, ist doch – freundlich formuliert – aus vorheriger regionaler und lokaler Berichterstattung destiliert worden. Und einen Kommentar oder eine Analyse über den Bürgerhaushalt in Potsdam wird der geneigte Leser im Netz vermutlich nur aus der Berichterstattung der Lokalzeitung finden, kaum bei der “NZZ” oder der “Zeit”.

Richtig ist, dass man sich auf dieser – realen! – lokalen Stärke nicht ausruhen darf. Die Konkurrenz, die früher wegen hoher Druck- und Vertriebskosten keine Chance hatte, steht womöglich vor der Tür, wie Jakubetz feststellt:

Fragt man die Macher von Regionalzeitungen nach ihren eigentlichen Stärken, wird sofort das Lokale genannt. Was auch richtig ist, aber auch hier wiederholt sich gerade Geschichte: Sie ruhen sich auf dieser Stärke und diesem vermeintlichen Monopol aus, übersehen aber, dass auch der Lokaljournalismus sich wandeln wird. Er wird hyperlokal, er geht ins Netz.

Man muss aber dazu sagen, dass dies auch nur für Regionen gelten wird, die zumindest eine bestimmte Größe / Einwohnerzahl und wirtschaftliche Stärke haben. Denn auch diese hyperlokalen Angebote werden sich über kurz oder lang refinanzieren müssen.

Ein Aspekt wird meines Erachtens in den “10 Thesen” allerdings völlig übersehen, einen großen Vorteil von (regionalen) Tageszeitungen, den es vielleicht gilt, stärker herauszustreichen. Natürlich kann ich heute im Netz dort die beste politische Analyse zu den USA finden, hier die detaillierteste Sportberichterstattung über meinen Lieblingsverein, ein paar Klicks weiter wieder das feinsinnigste Feuilleton durcharbeiten um dann noch schnell bei der Regionalzeitung die Heimatnachrichten zu lesen. Das alles kostet aber Zeit und erfordert Recherche (wo finde ich was eigentlich?) – und genau das ist etwas, wofür Leute schon immer ihre Zeitung bezahlt haben. Nämlich dass sie aus dem viel zu umfassenden Weltgeschehen eine Vorauswahl für mich trifft.

Es mag sein, dass heute angesichts der Altersstrukturen in Redaktionen, die Jakubetz kritisiert, diese Auswahl nicht mehr dem entspricht, was (potenzielle) Leser sich wünschen. Möglich. Aber daran, dass ich gerne jemanden bezahle, der mir diese Auswahl abnimmt, ändert das nichts.

Und die Zeitungslektüre sorgt dafür, dass ich erst auf Themen stoße. Ein Korrespondentenbericht über zwei Protagonisten der “Tea Party” in den USA neben der Geschichte, dass immer mehr Jugendliche in Brandenburg zu Hause keine warme Mahlzeit bekommen als Beispiel aus der heutigen “Märkischen Allgemeinen”. Abgesehen davon, dass der zweite Text eine exklusive Geschichte ist, die ohne die Zeitung nirgendwo stünde, wäre zumindest ich nicht darauf gekommen, mir genau das heute anderswo zusammenzulesen.

Mir ist die 10. Fazit-These deshalb zu negativ:

Es gibt kein schlagendes Argument mehr für die Tageszeitung alter Prägung. Man kann sie lesen, muss man aber nicht. Sie ist zu langsam, um aktuell zu sein. Sie ist zu sehr im Platz limitiert, um umfangreich zu sein. Sie ist zu sehr generalistisch, zu wirklich in allen Bereichen kompetent zu sein. Sie wird in angestammten Märkten an vielen Rändern bedrängt, hat aber nicht die Option, selbst andere in ihren Märkten anzugreifen. Sie hat häufig über viele Jahre nur reagiert, statt zu agieren. Überleben werden die, die von ihren Lesern aus Überzeugung und Begeisterung gekauft werden. Das ist eine Minderzahl. Verabschieden werden wir uns von denen müssen, die Journalismus nur verwalten – statt ihn zu machen.

Die Zeitung als Dienstleister der Nachrichtensammlung, Gewichtung, Verarbeitung und Aufbereitung hat aus meiner Sicht gerade im Lokalen/Regionalen eine Zukunft. Allerdings ist richtig, dass man nicht einfach so weitermachen kann wie bisher – und gleichzeitig die bisherigen Leser, die womöglich jenseits der 60 nicht stundenlang im Internet surfen, nicht alleine lassen darf. Sicher ist dabei, dass die Zukunft digital ist und im Netz liegt. Und dass zu wenig Führungspersonal und Redaktionsverantwortliche selbst dort Erfahrungen sammeln, sondern eher beim Thema “alle Medienkanäle bedienen” im Jahr 2010 noch von “SMS-Nachrichten” sprechen.

Ein Politik- oder Wirtschaftsredakteur der erklärt, er schaue grundsätzlich kein Fernsehen und höre Radio nur dann, wenn es sich nicht verhindern lässt, würde wohl kopfschütteln ernten. Wer erklärt, noch nie auf Facebook gewesen zu sein, Twitter ohne eigene Anschauung zu irrelevantem Geplapper erklärt und glaubt, dass auf Youtube ja eh nur pubertierende ihre Alkoholexzesse dokumentieren, der darf sich auf wohlwollendes Kopfnicken einstellen. Und wenn man dann noch zwei kluge Sätze über “Second Life” und “diese Apps von Apple” fallen lässt, die man bei der letzten Medienkonferenz von einem Keynote-Sprecher aufgeschnappt hat, der gilt vermutlich sogar als ausgewiesener Experte dieser “neuen Medien”.

Verleger, bitte hinschauen

Meine These: I-Pad & Co. werden irgendwo ihre Nische finden, vielleicht werden sie sogar unsere Computernutzung revolutionieren und irgendwann Net- und Notebooks verdrängen. Aber eine neue Technik alleine wird nicht dafür sorgen, dass die Medien so weiterexistieren können wie bisher. Wenn überhaupt, dann müssen Journalisten auch Angebote produzieren, die die neuen Möglichkeiten der Technik nutzen. Die muss jemand recherchieren, erstellen, aufbereiten, darüber mit Nutzern kommunizieren, verbessern etc. Das alles hat mit I-Pad & Co. a) nur noch wenig zu tun und ist b) kein Selbstläufer, sondern kostet Geld.

No content, please

Auch wenn es unsere Online-Kollegen, die Content-Manager, nicht gerne hören werden – Journalismus statt Content könnte aus meiner Sicht eine Zukunftschance für Medien sein.

Nicht mehr eine reine Debatte, auf welchen “Kanälen” zu welchem “Preis” man seine “Inhalte” am besten “verbreiten” kann, sondern eine Rückbesinnung auf die Kernkompetenz, auf den Journalismus. Den weder Twitter noch Blogger noch PR-Webseiten ersetzen können, weil sie es auch gar nicht wollen, sondern etwas ganz anderes machen. Was auch seine Berechtigung hat.

via: Amys Welt

Die Zeitung darf nicht sterben

Das Böse an dem Spot ist ja, dass vor allem der Einwand, dass in vielen Zeitungen immer weniger originär eigener Inhalt steckt, zutrifft. Und gerade in der Krise wird viel getan, dass es am Ende noch weniger ist, dafür wird dann noch billiger produziert.

Auf der anderen Seite bin ich fest überzeugt, dass es gerade für regionale und lokale Nachrichten in Zeitungen keine wirkliche Alternative im Netz gibt. Zumindest sind mir noch keine Blogs etc. aufgefallen, die die Nachrichtenlage in Brandenburg – auch in Ausschnitten – so wiedergeben, wie eine Zeitung wie die “Märkische Allgemeine” das tut. Und wenn man mal glaubt, ein solches Blog gefunden zu haben, stellt man fest, dass vor allem Nachrichten aus Zeitungen verlinkt und kommentiert werden.

Aber der Spot hat mir trotzdem gefallen.

via: Indiskretion Ehrensache

I am an Android

Okay, heute war also Google-Tag. Nicht ganz so inszeniert, wie wenn Apple mal wieder eine neue Generation seines iPhone vorstellt. Die Bilder aus Mountain View von der Pressekonferenz sahen eher so aus, wie wenn der Landesverband einer mittelgroßen Krankenkasse zum Journalistentalk lädt. Aber das ist an sich ja noch nicht schlimm.

Schlimmer war, dass so ziemlich alles, was Google da von ihrem neuen Handy “Nexus One” gezeigt hat, bereits durchgesickert war. Überraschungsmoment: Null. Ein technisch ordentliches Mobiltelefon, das Rechenleistung für eine Menge Gimmicks hat, und eine aufpolierte Version des Betriebssystems Android. Wobei das ja möglicherweise auch noch gereicht hätte, eine gute Weiterentwicklung des Bestehenden.

Kopfschütteln bei mir löste dann aber das hier aus:

Sorry, the Nexus One phone is not available in your country.

steht auf der offiziellen Nexus-One-Seite. In den meisten Ländern der Erde, inklusive Deutschland, gibt es das ach so tolle Gerät, das von Google “Superphone” getaufte Multimedia-Gadget gar nicht.

Angesichts des Entwicklungstempos auf dem Markt wage ich aber zu bezweifeln, dass der aktuelle Nexus-Hype lange genug anhält, bis zum Frühjahr oder gar noch länger, damit das Ding für einen Preis um die 400 Euro ohne Vertrag hierzulande noch ein Renner wird. Mein Interesse ist zumindest erstmal rapide erlahmt. Man kann bei so einer Ernüchterung nochmal überlegen, ob man so ein Teil überhaupt braucht (natürlich nicht).

Dabei muss ich sagen: Ich finde Android prima. Ich habe ein G1 von T-Mobile und bin extrem zufrieden. Es ist das beste Handy, das ich je hatte. Weder mein Sony Ericsson P800 noch der Palm Treo 650 noch mein XDA mit Windows Mobile kamen nur in die Nähe dieses Geräts. Es kann eigentlich alles, was ich will – und sogar noch ein bisschen mehr. Und ich kann Programme dafür schreiben und einfach installieren, wenn ich mag. Das ist noch dazu einfach. Auch wenn das Teil ruhig ein bisschen flotter sein dürfte und vor allem mehr Speicherplatz für Anwendungen bieten könnte. Und natürlich als Modem für den Notebook dienen.

Das iPhone ist für mich aus vielerlei Gründen keine Alternative. Ich komme mit der Bildschirmtastatur nicht zurecht, ich mag die Hardwaretasten des G1 (auch deshalb wäre das Nexus wohl nix für mich). Ich benutze auf meinem PC Linux (Ubuntu) und will kein Handy, das zur Aktivierung iTunes und damit Windows oder Mac OS benötigt. Da fühle ich mich gegängelt. Ebenso davon, dass ich einzig und allein Programme installieren darf, die Apple zuvor freigegeben hat.

Deshalb ärgere ich mich derzeit auch immer, wenn Verlage in einer “iPhone App” die Zukunft für die Verbreitung von Medieninhalten sehen. Das wäre so, als wenn man Webinhalte nur noch für Rechner mit Mac OS zugänglich machen wollte. Kann ja eine Strategie sein, schließt aber eine Menge Leute aus. Ich wage nur mal die These, dass es für viele Verlagsmanager schon eine ganz schön schwere Hürde war, “dieses iPhone-Dings” zur Kenntnis zu nehmen, von Android & Co. haben die vermutlich noch nie gehört. Was ein Fehler sein könnte – wenn man sich die Zukunftsaussichten ansieht.

Und ich weiß auch nicht, ob es so eine kluge Medienstrategie ist, sich auf Gedeih und Verderb an ein Unternehmen zu binden, das mit einem Tastendruck die Anwendung wieder verschwinden lassen kann. Aber es wäre ja nicht das erste Mal, dass Medienhäuser kräftig daneben liegen, wenn es um neue Medien geht.

Ich werde wohl erst dann zu einem neuen Android-Handy greifen, wenn entweder mein G1 den Geist aufgibt oder aber eines auftaucht, dass neben Leistungsverbesserungen weiter eine Hardwaretastatur und eine verbesserte Akkulaufzeit bietet.

Bis dahin bin ich eins: Mit Android und dem G1 sehr zufrieden.

Qualität die man erkennt

Meine Gewerkschaft, der DJV, hat mir eine Pressemitteilung der “Initiative Qualität” zukommen lassen. Am 19. Oktober wollen sich schlaue Leute Gedanken darüber machen, wie es sich mit der Qualität im Journalismus verhält. Und wie sie erhöht werden kann.

Bei so einem Thema – Journalisten können zum Beispiel auch ein Lied über die Qualität von Pressemitteilungen singen – und wenn eine wie auch immer geartete Organisation sich mit dem Label “Qualität” schmückt, dann kann ich es mir nicht verkneifen, auch genauer hinzuschauen. Und lese:

In zwei von Medienberater Werner Lauff moderierten Gesprächsrunden werden sich die prominenten Podiumsgäste und das fachkundige Publikum Antworten aus unterschiedlichen Aspekten nähern

Es fällt mir schwer, mir vorzustellen, wie man “einen unterschiedlichen Aspekt” erstmal einnimmt, um sich dann von dort aus einer Antwort “zu nähern”. Klingt nach ziemlich gequirrltem Wortgeklingel der peinlichsten PR-Sorte. Aber ganz ehrlich, auch der Rest liest sich wie aus einem Lehrbuch, wie man Presseinladungen nicht formulieren sollte, wenn man zumindest einen Anflug von Interesse beim Leser wecken möchte und nicht nur möglichst viele Namen und Titel in möglichst wenig Zeilen pressen soll:

Den Eröffnungsvortrag hält – nach der Begrüßung durch DLR-Intendant Dr. Willi Steul – Prof. Dr. Volker Lilienthal (Universität Hamburg, Rudolf Augstein Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus). Sein Thema: “Was heißt da Qualität? Perspektiven in der Krise”. Als Podiumsgäste diskutieren: die Chefredakteure Domenika Ahlrichs (netzeitung), Sven Gösmann (Rheinische Post), Peter Stefan Herbst (Saarbrücker Zeitung), Dr. Wilm Herlyn (dpa) und Johannes Bruckenberger (stellv. Chefredakteur der APA, Wien), als Vertreter der Medien(selbst)kontrolle Fried von Bismarck (Deutscher Presserat) und Prof. Dr. Norbert Schneider (LfM/ZAK), aus der Wissenschaft Prof. Dr. Susanne Fengler (Erich-Brost-Institut, Dortmund) und Prof. Dr. Petra Werner (FH Köln) sowie als freier Journalist und Internetexperte Dr. Stefan Krempl (Berlin).

Die Qualität, so dünkt mir, muss noch etwas warten.