andreas streim

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Digitalisierung tötet (Folge 237)

Und schuld an unserem Ableben, der Verwahrlosung unserer Kinder und dem gesellschaftlichen Zusammenbruch trägt natürlich die digitale Technik. Smartphones und Tablets sind teufelszeug. Das hat jetzt gerade mal wieder dpa herausgefunden, zum Beispiel hier nachzulesen.

Das liest sich dann ungefähr so:

„Wir Kinder- und Jugendärzte sind von deutlichen gesundheitlichen und psychologischen Beeinträchtigungen überzeugt, sehen diese täglich in unseren Praxen“, berichtet Till Reckert vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. „Wir warnen auch vor den Folgen, die die Kinder erleiden müssen von Eltern, denen ihr Smartphone wichtiger ist als der Kontakt zum eigenen Kind“, sagt Reckert.

Vorschlag zur Güte: Ja, in den Praxen von Kinder- und Jugendärzten sitzen überwiegend kranke Kinder und Jugendliche. Und, ja, man sollte Kinder nicht einfach so lange mit Smartphone und Tablet spielen lassen, wie sie wollen. Ob 20 Minuten Tablet Spiele wie etwa „Peterssons Erfindungen“ wirklich schlimmer sind als 20 Minuten RTL II, das wage ich zu bezweifeln.

Nur noch Kopfschütteln bleibt aber, wenn es in dem Text weiter heißt:

Die von dem Ulmer Psychiater und Gehirnforscher Manfred Spitzer nachgewiesenen negativen Folgen für die Gehirn – und Lernentwicklung bestätigten sich in ihrer ärztlichen Praxis, hieß es

Herr Spitzer hat vor allem steile Thesen populärwissenschaftlich aufgeschrieben. Wem das als Beweis reicht, der war auch nicht auf der Suche nach Für und Wider, sondern auf der Suche nach Bestätitgung für seine Vorurteile. Was zu Spitzers Thesen zu sagen ist, hat der damalige Bitkom-Präsident Prof. Dieter Kempf schon vor fast drei Jahren in der FAZ unter dem Titel „Analoge Ignoranz spielt mit den Ängsten der Menschen“ aufgschrieben.

spitzer_FAZ

Der Kronzeuge Spitzer hat übrigens vor knapp zehn Jahren über den Fernseher geschrieben. „Fernsehen macht dick, dumm, gewalttätig.“ Vermutlich gilt schon dieser Satz als medizinischer Beweis für die Gefahren des Televisonskonsums.

Schön auch eine Konklusio des Textes:

„Wenn Kinder dauerhaft mit elektronischen Medien beschäftigt sind, dann besteht die Gefahr, dass solche Erfahrungen zu kurz kommen und Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden“, sagt Kinderexpertin Susanne Rieschel vom Elternratgeber „SCHAU HIN!“

Genau. So wie Kinder nicht dauerhaft nur Lesen sollten und selbst dauerhaftes nur Fußball spielen auf dem Bolzplatz könnte der Gesamtentwicklung abträglich sein. Aber gut, dass wir mal wieder darüber geredet haben.

Reservierungspflicht für Kinder

Die Bahn ist ja eigentlich das wohl kinderfreundlichste Verkehrsmittel. Platz zum hin und her laufen, immer wieder spannende Aufenthalte an Bahnhöfen, Steckdosen für die Tablet-Versorgung und nicht zuletzt der konkurrenzlos günstige Preis. Fliegen hat dagegen den immensen Vorteil, dass die Zeit schneller rumgeht dass eine Reise von Berlin nach München nicht in Nerverei, Streit und Tränen endet, sondern einfach schnell vorbei ist. Dafür ist es teurer. Und bei Air Berlin eigentlich sogar noch teurer.

Die Airline mit dem Berlin im Namen hat nämlich eigentlich eine Reservierungspflicht für Kinder eingeführt.

Heute Morgen wollte am Check-In-Schalter für den Flug nach München, Mama, Kind und Kind. Mit 2 und fast 6 Jahren noch nicht so ganz ausgewachsen. Nach längerem starren Blick auf den Computermonitor reicht die Dame die drei Bordkarten rüber. „Ich würde ihnen empfehlen, künftig Plätze zu reservieren“, meint sie. Nun ja, das wäre natürlich möglicherweise eine Idee, aber mit Kindern checkt man ungern früher ein als nötig, da die gerne kurzfristig mal krank werden, und die Sitzplatzreservierung bei der Buchung kostet für 3 Personen hin und zurück ja eine nicht unerhebliche Summe. Air Berlin ist zwar familienfreundlich, hat aber ein etwas merkwürdiges Verständnis von „Familie“:

Damit die ganze Familie zusammen sitzen kann, ist die Sitzplatzreservierung für Familien (maximal 2 Erwachsene ab 12 Jahren und mindestens 1 Kind unter 2 Jahren) kostenlos. Sie können Ihre Sitzplätze bis 48 Stunden vor Abflug im Buchungsprozess, nachfolgend unter „Meine Buchung“ oder telefonisch über unser Service-Center reservieren ».

Oder anders gesagt: Kinder ab 2 Jahren können bei Air Berlin irgendwo sitzen. Aber nicht unbedingt neben Mama bzw. Papa.

Und so war auf den Bordkarten, die die Dame rüberreichte, die Plätze 3A und 3B notiert sowie 6A. Der hilfreiche Kommentar: „Sie können ja im Flugzeug die Sterwardess ansprechen, ob der Herr auf 3C vielleicht mit ihnen tauschen will.“ Vielleicht ist gut. Aber klar, sie kann ihn ja nicht einfach umbuchen. Wahrscheinlich hat er 3C ja als Glückszahl reserviert (und C ist halt Gang, A Fenster).

Im Flugzeug war die Stewardess von der Idee, da was zu unternehmen aber nicht begeistert. Man könne den Herrn ja dann selber ansprechen, ob er tauschen wolle. So sieht Kundenorientierung bei einer Airline mit hin und wieder zu lesenden Berichten über finanzielle Turbulenzen halt aus. Eigentlich wäre es ja lustig gewesen zu sagen, „ach nein, dann setz ich mich halt mal da hinten hin, da hab ich meine Ruhe“. Und zu sehen, was dann passiert.

Aber zu einen tut man sowas seinen eigenen Kindern nicht an, die für Buchtungsspezialitäten deutscher Airlines noch nicht so richtig Verständnis entwickelt haben, und außerdem könnte das vielleicht sogar eine klitzekleine Verletzung der Aufsichtspflicht sein, denn über drei Reihen hinweg kann man nicht so gut übersehen, was 2- und 5-Jährige so treiben.

Der Herr auf 3C sah das zum Glück genauso, auch wenn er nicht wirklich gerne Gang gegen Fenster tauschte.

Aber man fragt sich trotzdem warum ein Buchungssystem, das mit einer Vielzahl von Daten wie auch dem Alter der Reisenden gefüttert wird, nicht schlau genug ist zu wissen, dass drei Menschen mit diesen Altersmerkmalen vermutlich aus gutem Grund und vielleicht auch wegen ein paar lästiger Regeln und Pflichten nebeneinander sitzen müssen. Und das entsprechend hinterlegt. Falls hier jemand mitliest: Ich würde das mal als Features-Request hinterlegen wollen.

9 to 6

Liebe UPS-Planungsabteilung,

es ist total super, dass ihr Pakete, die ihr nicht zustellen könnte, in einem Geschäft in der Nähe abgebt. Damit ich es mir selbst abholen kann. Weniger super ist die Auswahl eurer Partner.

Wenn ihr Freitagmittags ein Paket zustellt und es dann hier abgebebt:

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Was fällt dann auf? Genau, der Laden macht um 18 Uhr zu. Also in Zeiten verlängerter Ladenöffnungszeiten eher früh. Und was fällt noch auf? Der Laden hat samstags geschlossen. GESCHLOSSEN. Das bedeutet, man kann seine Pakete von Montag bis Freitag von 9 Uhr morgens bis 6 Uhr abends abholen. Also ziemlich genau zu den Zeiten, in denen normale Leute halt arbeiten und nicht irgendwo Pakete einsammeln können.

Ich glaube ja, die größte Chance des stationären Handels gegenüber dem Online-Handel sind inkompetente Logistikunternehmen, bei denen das Thema Kundenfreundlichkeit ungefähr soweit oben auf der Agenda steht wie früher bei der Bundespost. Das größte Risiko des stationären Handels ist dabei aber, dass es Logistikunternehmen gibt, die den Schuss gehört haben – und es irgendwann halt kein Ups mehr gibt.

Für mich ist der Hinweis „Zustellung mit Ups“ auf jeden Fall künftig ein K.o.-Kriterium, wenn ich irgendein Produkt kaufen will.

Transparente Werbung

Man muss der Berliner Morgenpost ja schon eine transparente Werbekampagne bescheinigen.

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Einer soll, einer ist

Eben – aus Gründen – mal „Bitkom“ bei Google gesucht. Noch auf der ersten Seite gibt es zwei Treffer direkt untereinander:

Dirks neuer Bitkom-Präsident

Ja, so ist das mit diesem Internet. Man sollte nie dem erstbesten Google-Treffer glauben, auf den man stößt. Gar nicht so selten liegt die Wahrheit nur einen Klick weiter.

Mobile First

Man liest ja immer wieder, dass die Zukunft dieses Internets im Mobilen liegt. Also bei mobilen Anwendungen, Apps für Smartphone & Co., der klassische stationäre Computer gehört bald der Vergangenheit an. Habe ich bisher nie so richtig geglaubt (wohl die Theorie, aber in der Praxis…), weil die meisten Anwendungen an so einem richtigen Computer mit richtigem Bildschirm und richtiger Tastatur irgendwie flockiger laufen als auf so einem doch eher kleinen Touchdisplay mit schmalbrüstigem Prozessor.

Bis gestern.

Da wollte ich von meinem Notebook ein Foto auf meinem HP Officejet Pro 8600 ausdrucken, in den ich dazu 10x15cm Fotopapier eingelegt habe. Kein Dinge, denkt man. Nur hat der Drucker den Ausdruck immer gleich abgebrochen mit dem Hinweis, das ausgewählte Papierformat stimme mit dem eingelegten nicht überein. Dabei habe ich das so ziemlich alles Mögliche ausgewählt und sogar selbst ein Format definiert und eingetragen. Ohne Erfolg.

Was aber ging: Das Foto in die Dropbox packen, Dropbox auf dem Smarpthone öffnen, Foto auf das Smartphone kopieren, HP-App auf dem Smartphone öffnen und Foto zum Drucker senden.

Zugegeben, das mit der Benutzerfreundlichkeit und so, das müssen wir noch üben. Aber Mobile hat es dem klassichen PC mal echt gezeigt.

Das merkwürdige Verhalten modernen Toilettengestalter

Als ich neulich bei unserem Italiener auf der sehr spartanischen Toilette war, hab ich ja schon kurz gezuckt. Warum hängt man sich so ein Bild über das Pissoir, das mann sich also wirklich sowas von beobachtet fühlen muss?

Toilette

Gut, es gibt halt komische Sachen.

Aber dann nur wenige Tage später in einem sehr gehobenen Hotel einer bekannten Marke direkt am Hauptbahnhof, was man aber als „am Kanzleramt“ im Namen führt. Dort sind die Toiletten zwar größer und deutlich luxuriöser, aber offenbar haben die einen ähnlichen BedürfnisbefriedigungsanstaltsdesignerToilettengestalter. Der, nun ja, noch ein bisschen direkter zu Wege geht.

Toilette

Toilettenkunst

Und wie ist wohl die Damentoilette gestaltet?

Der Räuber ist immer der Kunde

Wir müssen einer traurigen Wahrheit ins Gesicht schauen: Wir fühlen uns im Supermarkt zwar vielleicht als Kunde, wir sind aber in Wirklichkeit nur potenzielle Diebe und Verbrecher. Eingangsschleusen, Begrüßungsplakate die einem ankündigen, im Falle des Warendiebstahls auch eine Fangprämie bezahlen zu müssen oder die Hinweise kurz vor dem Ausgang, dass alle Produkte vor dem Klauen „auch unsichtbar“ geschützt sind, sind dafür nur einige sichtbare Zeichen.

Die kann man ignorieren oder sich daran gewöhnen. Schwieriger ist es, wenn bestimmte Produkte so verkauft werden, dass keine Freude aufkommt, sondern vor allem Nerv. Zum Beispiel bei Rasierklingen. Darüber schrieb ich ja vor einigen Jahren schon mal. Oder wenn man wirklich so behandelt wird, als ob man was klauen wolle.

Heute an der Kasse bei „Netto“. Dass an solchen Kassen oft große Spiegel hängen, damit das Verkaufspersonal in den Wagen schauen kann (jeder Kunde ein potenzieller Verbrecher, eben) – geschenkt. Dass sich Verkäuferin oder Verkäufer von ihrem Sitz erheben und noch ein bisschen Recken, um genauer zu schauen – auch geschenkt. Aber heute? „Können Sie den Wagen ein bisschen vor fahren?“ Tut man, klar. Ganz automatisch. Wir sind ja obrigkeitshörig, irgendwie. „Mal ganz um die Ecke, damit ich reinschauen kann.“ Bitte? Macht man im ersten Moment auch. Aber dann? Was soll das denn?

Von mir aus werden wir überwacht und kontrolliert, aber doch bitte so, dass man es nicht ständig merkt. Irgendwann wird man noch die Taschen nach außen kehren müssen und sich von den Kassiererinnen oder Kassierern (dann anstellen bitte je nach Geschlecht) abtasten lassen müssen. Denn merke: Der Räuber ist immer der Kunde.

Maschinenstürmer

Die Meldung ist schon ein paar Tage alt, aber in Frankreich haben Taxifahrer nicht nur mit einem Autokorso gegen die US-Konkurrenz von Uber demonstriert, sie haben auch Barrikaden errichtet, Reifen angezündet und Fahrzeuge, die sich offenbar nicht an einen Streik gehalten haben, mit Latten und Baseballschlägern angegriffen.

Ausschreitungen gegen Uber

Natürlich müssen sich auch Start-ups, die mit digitalen Geschäftsmodellen alles über den Haufen werfen, an Regeln und Gesetze halten. Aber so wie es in dem Artikel klingt, haben sie in Frankreich halt den Rechtsweg beschritten – und nach den Protesten hat sich die Regierung genötigt gesehen, mal diesen Weg abzukürzen und Uber abzuschalten (ob’s was genutzt hat?).

Egal wie dieser Konflikt ausgeht, eines gilt: So wenig wie Maschinenstürmerei die Manufakturen gerettet und den technischen Fortschrit verhindert hat, genauso wenig lassen sich die Entwicklungen der Digitalisierung auf diese Weise aufhalten. Nicht zuletzt weil viele dieser Dienste einfach für den Kunden „besser“ im Sinne von anwenderfreundlicher, bequemer sind. Billiger ist da oft gar nicht das entscheidende Kriterium.

Das mit dem Handel wird nix mehr

Es gibt Tage, an denen würde man gerne etwas kaufen und sofort mit nach Hause nehmen. Das kann viele Gründe haben. Zum Beispiel weil der Sohn sich in den Kopf gesetzt hat, dass er eine Uhr im Kinderzimmer haben möchte, an der Wand. Und zwar um zu versuchen, so lange im Bett wach zu liegen, bis das Spiel der Frauenfußball-Weltmeisterschaft um 22 Uhr anfängt. Aber der Grund ist jetzt eigentlich nicht so wichtig. Nur dass wir diese Uhr am Samstag kaufen und haben wollen und nicht erst am Dienstag oder Mittwoch. Naja, immerhin wohnen wir ja in einer großen Stadt. Das ist ein Vorteil, schließlich gibt’s ja hier viele Geschäfte. Aber das ist auch ein Nachteil, denn die Stadt ist halt groß und die Wege sind weit. Aber fahren wir halt die paar Stationen mit der U-Bahn zum Alexanderplatz, da ist ein großer, schöner Kaufhof und das Warenhaus zeichnet sich doch dadurch aus, dass man dort alles bekommt. Unter einem Dach. Man bekommt auch eine ganze Menge, zum Beispiel sündhaft teure Chronometer für jede Gelegenheit oder in der Spielwarenabteilung ganze Regalmeter in Prinzessin Lillyfee oder Captain Sharky. Aber keine einzige Wanduhr. Lapidare Auskunft: Führen wir nicht. In nahegelegenen Elektromärkten zeigt sich, dass die Idee eine Uhr für die Wand zu kaufen ungefähr so naheliegend ist wie ein Röhrenradio aufzutun. Uhren für die Wand, so meine These, sind ein Auslaufmodell. Die Digitalisierung wird diese Produkte verdrängen, die Zeitanzeige ist ein Nebenprodukt von Smartphone, Smartwatch & Co. Und bald wird uns unser persönlicher digitaler Assistent eh abnehmen, noch auf die Uhr zu schauen, und uns einfach erinnern, was wir als nächstes tun müssen wollten. Und wenn man so ein simples Ding wie Wanduhr für Kinderzimmer haben will, dann steht man in so einem Konsumtempel, der sich gerne selbst nach den US-Vorbildern Mall nennen würden, wie dem „Alexa“ echt ziemlich blöd da. Wo könnte es sowas geben? Welche Produktkategorie auf der Hinweistafel (Kinder? Freizeit? Elektrogeräte?) könnte nur in die Nähe einer Lösung führen? Die Lösung kommt dann durch Hunger des Kindes, dem Wunsch nach Heimweg und dem Vorhandensein der Amazon-App auf dem Smartphone. Dort führt die simple Eingabe „Uhr Wand Kinderzimmer“ zu einer ganzen Reihe von Treffern, aus denen man die ganzen schlecht bewerteten („Uhrwerk viel zu laut“) einfach aussortieren kann und noch genug Auswahl hat. Bilanz: gut 2 1/2 Stunden durch die Stadt gelaufen, ergebnislos. Nicht mal zehn Minutne gesurft und geklickt, Uhr gefunden und gekauft. Der Online-Handel hat mal wieder den stationären Handel geschlagen, und die zwei, drei Tage Lieferzeit überbrücken wir mit dem Ausleihen unserer Küchenuhr ans Kinderzimmer, für die Nächte.

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