andreas streim

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Sadomaso-Fantasien in der Redaktionsstube – oder: Qualitätsjournalismus (373)

Früher war die MAZ ja eine manchmal ein bisschen verschnarchte, irgendwie aber doch liebenswerte Regionalzeitung. Irgendwann änderte sich dann eine ganze Menge und statt einer täglichen 3/4-Seite über die neuesten Querelen innerhalb der CDU-Fraktion oder einer manchmal vielleicht zu ausführlichen Berichterstattung über eine neue Konjunkturumfrage der IHK gab es dann ganzseitige Serien über den schönsten Hund Brandenburgs. Weniger FAZ, mehr Ostseezeitung – so die Devise. Statt regelmäßig knapp 2% Auflagenverlust wurde die Parole “nicht turn around, aber doch schwarze Null” ausgegeben.

Nun, die Realität sieht anders aus. In Zahlen zuletzt: minus 4,9.

Und Qualitätsjournalismus liest sich jetzt wie dirket aus der Sat1-Pressestelle. Und vor allem klickoptimiertbar und, ähem, verrucht.

“Sadomaso bei Newtopia”

Zwist und Zärtlichkeiten

Keine Angst, es muss niemand auf den Artikel klicken. Habe ich natürlich gleich gemacht. Da steht dann:

Keine Angst, die SM-Praktiken spuken den Pionieren zwar durch den Kopf, zu sehen ist aber nichts – dabei ist die Serie für manche Zuschauer sicher Folter genug.

Dann hätten wir das auch geklärt. Oder wie ich in meinem Volontariat mal gelernt habe: Man kann zwar Überschriften machen, die den Leser in die Irre führen. Der findet das aber in der Regel nicht besonders gut, veralbert zu werden.

Lernt Python statt Latein!

Smartphones gehören für Kinder zum Alltag. Mehr als 80 Prozent von ihnen nutzen die Geräte. Damit unterscheiden sie sich wenig von den Erwachsenen. Und 9 von 10 Schülern bringen ihr Handy auch mit in die Schule, unter anderem zum Musik hören, um Tafelbilder abzufotografieren und (jeder zehnte) auch zum Spicken.

Nicht nur in in der Schule stoßen da Welten aufeinander, die Kids mit Hightech und doch noch viele Lehrer, die damit eher wenig anfangen können. Die ehrwürdige FAZ findet das alles auch ein wenig befremdlich, so befremdlich wie andere Menschen die ironiefreie Verwendung des Wortes “Schulhaus”.

Aber das alles ist nur die Spitze des Eisberges. Die Ausstattung der Schulen mit IT ist hierzulande erbärmlich. Ja, es gibt fast überall PCs, aber bei modernen Digitalgeräten wie Tablet oder E-Book-Reader sieht es tieftraurig aus. Und genutzt werden selbst die Geräte, die vorhanden sind, so viel seltener als die Fotokopie. Das haben zwei umfangreiche repräsentative Schüler- und Lehrerbefragungen ergeben, die ich beim BITKOM mit konzipiert habe, und die heute als zusammengefasster Studienbericht veröffentlicht wurden [Download kostenlos].

Kinder, lernt das lesen

Kinder, lernt das lesen

Was kann man daraus lernen? Das Schüler im Jahr 2015 in der Schule lieber eine Programmiersprache wie Java oder PHP lernen sollten anstatt Latein. Das sagt BITKOM-Vizepräsident und Arvato-Chef Achim Berg. Und damit spricht er mir aus dem Herzen – auch wenn ich persönlich für Python plädieren würde. Ich wünsche mir, dass meine Kinder in ihrer Schulkarriere in einem Pflichtfach Informatik eine solche Sprache des Digitalzeitalters vermittelt bekommen. Und bitte nicht adäquat zur PC-Ausstattung mancher Schulen Turbo Pascal. Wobei das immer noch besser wäre als nix.

Mein erstes Twitter Ad

Ich bin ja ein großer Anhänger der Theorie, dass man Dinge, die man beim ersten Durchlesen nicht versteht, doch einfach mal ausprobieren sollte. Genau aus dem Grund habe ich gestern Abend mal ein Twitter Ad geschaltet.

Vorab: Ich finde schon die Seite analytics.twitter.com grandios – so viele Insights zum “Erfolg” des eigenen Twitters so schön aufgemacht, chapeau! Ein bisschen ernüchternd daran fand ich allerdings, dass von den 620 plus X Followern eigentlich immer nur so 40 bis 60 den eigenen Tweet überhaupt zu Gesicht bekommen. Klar, kein Wunder, durch die eigene Timeline scrollt so viel Inhalt am Tag und da kaum jemand 24 Stunden mitliest, rutscht einfach viel ungesehen durch. Noch ernüchternder war, dass die Interakationsrate immer so bei 1 Prozent liegt, d.h. praktisch niemand klickt Links an, liked einen Tweet oder Retweetet ihn.

Aber dem kann man jetzt, gegen Geld, ja zumindest ein bisschen mit Twitter Ads abhelfen. Ich habe dazu einen Tweet geschrieben, der auf eine aktuelle Presseinformation meines Arbeitgebers BITKOM verweist.

Und dann habe ich eine Ad-Kampagne gestartet, deren Ziel “Websiteklicks oder Conversions” war. Angezeigt zu den Schlüsselwörtern Schule, Bildung und Jugend an Nutzer in Deutschland. Und dann habe ich die Kampagne für zwei Tage mit jeweils maximal 5 Euro Einsatz gestartet.

Das Ergebnis?

Der gesponserte Tweet hat 2.790 Impressionen erreicht und 333 (zu bezahlende Interaktionen) wie Anklicken der angehängten Grafik, Klick auf den Link zur Pressemitteilung oder favorisieren des Tweets oder Retweeten. Gleichzeit hat der Tweet über diese Interaktionen, also vermutlich die Retweets, auch als nicht-gesponsorter Tweet deutlich mehr Leser erreicht als das bei mir gemeinhin der Fall ist. Insgesamt 1.065 Impressionen und 69 Interaktionen für den Tweet sind die Folge – eine Interaktionsrate von 6,5 Prozent, die ebenfalls deutlich über meinen üblichen Werten liegt.

twitterad_ergebnis

Was aber mindestens ebenso interessant für mich ist: So eine Kampagne macht einfach Spaß. Die Einrichtung ist einfach und gut erklärt – und die Tools, um sich den Erfolg anzusehen, funktionieren einfach prima. Aber wahrscheinlich bin ich nur deshalb ein bisschen begeistert, weil ich Visualisierung von Daten grundsätzlich einfach klasse finde.

Wunschlos glücklich

Twitter hat es erkannt – ich bin wunschlos glücklich.

Twitter schlägt mir was vor

Seit ich ein Kind hab

(statt Vorsätze für 2015)

Warten aufs Christkind

Für alle, die heute die Zeit bis zum Geschenkeauspacken unterm Christbaum überbrücken müssen (Spoiler: Liegen ja eh nur Tablets, Smartphones und Fitness-Tracker drunter), ein kleines Weihnachts-Mash-up.

Und natürlich: Oh Du Fröhliche – und besinnliche Weihnachtsfeiertage an die hier Lesenden.

*** Weihnachten

Auch wenn’s Werbung ist, es ist wenigstens lustige Werbung. Und das Produkt spielt eigentlich gar keine Rolle. In diesem Sinne

Frohe Weihnachten der geneigten Leserschaft hier. Und kein “***” in den kommenden Tagen.

Warum das mit den Zeitungen nix mehr wird

Ich mag Zeitungen. Ich habe viele Jahre meines Lebens mit großer Begeisterung für eine gearbeitet. Journalismus ist auch wichtig. Hat aber nichts mit bedrucktem Papier zu tun.

Vor einigen Jahren hatten wir täglich vier gedruckte Tageszeitungen im Briefkasten. Heute noch eine. Und die auch nur, weil die Frau in unserem Haushalt nostalgische Gefühle hegt und findet, Kinder sollten nicht in einer Familie aufwachsen, in der sie keine gedruckten Zeitungen kennenlernen. Oder so ähnlich. Das finde ich eigentlich auch. Und so ein gelebtes Freilichtmuseum, das hat ja auch was.

Ich lese Zeitungen gerne digital. Dumm nur, dass offenbar alle halbwegs begabten Programmierer Apps für US-amerikanische Start-ups entwickeln und keine Zeit für deutsche Medien haben. Anders ist die Qualität der Versuche, den eben fürs Drucken geschriebenen Inhalt auf Smartphone, Tablet oder auch PC zu bringen, nicht zu erklären. Mit Ausnahme von SZ Digital, der App der “Süddeutschen Zeitung”, der es gelingt, die ohnehin guten Inhalte so darzustellen, dass es auf jedem Medium eine Freude ist. Und die selbst meinen Vater zum begeisterten (auch) Online-Leser neben seiner gedruckten Ausgabe gemacht hat.

Aber sonst? Ein Bild des Schreckens. Und genug der Vorrede. Nur noch eine Erinnerung. Wir haben fast 2015 – also das Jahr zweitausendundfünfzehn. Und da finde ich in meinem Briefkasten eine kostenlos und unverlangt eingeworfene “Berliner Morgenpost” (locker über das “Bitte keine Werbung”-Schild hinweggesetzt, Regeln gelten nur für andere wie Google und so…). Doch nicht die Zeitung, sondern der Aufkleber darauf hat mich dann doch interessiert.

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Die “Berliner Morgenpost” elektronisch lesen, 6 Monate lang umsonst – was soll dabei schiefgehen? Und wäre doch nett, auf dem Weg in die Arbeit oder zurück mal kurz in der S-Bahn auf dem Smartphone die Berlin-Nachrichten durchzulesen. Also mal anmelden. Die Startseite von epapern.de verspricht:

Die Startseite von epapern

Papern bedeutet, dass Sie überall und jederzeit auf Ihrem Smartphone, dem Tablet oder am PC druckfrische Tageszeitungen oder Zeitschriften lesen können.

Das klingt doch gar nicht schlecht. Aber was bekommt man, wenn man sich angemeldet hat? Das hier.

Ein Epaper ist wirklich ein PDF

Ich kann mir bei epapern.de auf einer Website ein PDF auf mein Gerät herunterladen. Wie war das nochmal? “Überall und jederzeit auf ihrem Smartphone…” Natürlich, stimmt, ich kann auf meinem Smartphone ein PDF öffnen. Diese grässlichen PDFs, die gerne auch als wöchentlicher Newsletter von Journalisten-Verbänden verschickt werden, anstatt alles einfach in eine ordentliche Mail zu packen, die auf den verschiedenen Geräten hervorragend skaliert. Aber ich schweife ab. Das Epaper sieht dann so aus:

Epapern auf dem Smartphone

Klar, man kann einzelne Artikel heranzoomen, so dass man sie lesen kann. Nur leider dann immer nur ein winziges Stückchen, dann scrollt man mit dem Finger runter, dann nach rechts und wieder rauf, dann wieder runter, dann wieder nach rechts und wieder raus etc. pp. Weil die Zeitung so ausgeliefert wird, wie sie halt wunderbar auf so ein großes Zeitungspapier gedruckt passt.

Artikelausschnitt

Das Schlimme daran ist: Wenn das jemand ausprobiert, der vielleicht zum ersten Mal darüber nachdenkt, ob Digitalausgaben lesen nicht vielleicht doch eine gute Idee ist, der wird das Experiment sofort kopfschüttelnd beenden. Und vermutlich nie wieder ein Digitalabo einer Tageszeitung abschließen. “Bei Spiegelonline kann ich das besser lesen…” wird er denken.

Und irgendwo weint ein Verlagsmanager und schreibt einen Brandbrief an die Politik, die doch verdammt noch mal endlich was gegen die Kostenloskultur im Netz und dieses an allem schuld seiende Google tun soll.

Auflagenentwicklung Tageszeitungen

Bedienungsanleitung für die U-Bahn

Kann man dieses wunderbare Video, das die richtige Benutzung der New Yorker U-Bahn zeigt, bitte mal auf Deutsch übersetzen, liebe BVG? Und dann alle Berliner verpflichtend anschauen lassen?

Vor allem die Erklärung was passiert, wenn man nicht erst die Leute aussteigen lässt bevor die nächsten einsteigen, könnten ja vielleicht auch die zwei oder drei Berliner verstehen.

Kursgewinngarantiegesetz

Mal vorweg: Ich habe keine Aktien von Zalando oder Rocket Internet gekauft. Und zwar nicht nur weil ich dazu viel zu bequem bin und für Aktienhandel zu schwache Nerven habe, auch nicht nur weil ich dafür gerade mal kein Geld übrig habe – sondern aus bewusster Entscheidung. Das hat was mit Geschäftsmodellen zu tun, mit Transparenz oder ihrem Fehlen, mit der Überlegung, wer von etwas profitiert und wer nicht.

Wobei, soviel mal als kleiner Einschub, meine Karriere als Börsenguru nicht wirklich eine war. So habe ich hier im Blog 2006 (ja, so lange gibt’s das hier schon und sogar ein bisschen länger) über den Xing-Börsengang fabuliert, dass ein Kurs von 30 Euro ja kaum zu halten sei. Die Aktie notiert aktuell bei 75 Euro. Tja, hätte ich mal…

Zalando und Rocket Internet haben aber gezeigt, dass in Deutschland Internet-Unternehmen an die Börse gehen können. Dass es Anleger gibt, die bereit sind, Geld in Unternehmen (ja, in Unternehmen!) zu investieren, damit diese mit dem Geld ihr Geschäft ausbauen, wachsen, international erfolgreich werden können. Und nachdem ein paar Wochen lang publizistisch das mehr oder weniger bejubelt oder zumindest mit einem gewissen Respekt vorbereitet wurde, kommt jetzt – wenig überraschend – der Slashback. “Spiegel Online” titelt aktuell “Absturz nach Börsengang: Zalando-Rocket-Fiasko alarmiert Anlegerschützer”.

SpON zu Zalando

Da stehen beachtliche Sätze drin wie

Eine volle Handelswoche lang sind die Kurse der beiden Start-ups von Tag zu Tag immer weiter abgestürzt. Aus Zeichnern sind Gezeichnete geworden.

Gezeichnete. Weil es so viele Menschen gab, die z.B. Zalando-Aktien haben wollten, zu einem bereits bekannten Ausgabekurs. Was haben die Leute denn erwartet? Dass – klar doch, Internet-Unternehmen und alle außer mir sind doof! – zum Börsenstart der Kurs erstmal um 20, 30 oder 40 Prozent steigt und man dann schnell ordentlich Kasse machen kann? Der Kurs kann ja nur so in den Keller rauschen weil viele von denen, die erstmal Aktien gezeichnet haben, sich gleich mal wieder von denen getrennt haben. Und man sich dann schon die Frage stellen muss, mit welchen Motiven diese Zeichner denn tätig geworden sind. Waren das jetzt Investoren oder Zocker? Und muss ich großes Mitleid mit den Zockern haben, so viel wie mit dem in der Spielbank, der seinen Stapel auf Rot schiebt und dann einen Schuldigen sucht, wenn es zum vierten Mal hintereinander wieder Schwarz wird?

Aber in dem Text stehen noch genialere Dinge:

Der Ökonom und Anlageexperte Max Otte fordert nach dem jüngsten Debakel die Politik im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zum Eingreifen auf: “Der Gesetzgeber muss die Anleger schützen. Ein Unternehmen soll erst an die Börsen gelassen werden dürfen, wenn es nachhaltig Gewinne macht.”

Ja, genau, der Gesetzgeber muss das verhindern, wenn die Anleger Zeichner ja offenbar nicht in der Lage sind, Börsenprospekte zu studieren oder sich gar, hui!, über das Unternehmen, dessen Miteigentümer sie da gerade werden wollen, anderswo zu informieren. Es war jetzt kein allzu großes Geheimnis im Vorfeld der Börsengänge, dass Zalando und Rocket bislang nicht so die ganz großen Cash-Cows sind. Aber “Anlageexperten” in Deutschland würden ja auch verbieten, dass so eine Firma wie Amazon an die Börse dürfte, denn, mal ehrlich, die verdienen ja auch kein Geld, schon gar kein nachhaltiges. Wobei es da auf die Definition ankommt, denn sonst könnte manches traditionelle Unternehmen vor einem drohenden Delisting stehen.

Aber wenn schon, dann sollte man den Gedanken weiterführen und nicht auf halbem Weg stehen bleiben.

Was wir brauchen ist ein Kursgewinngarantiegesetz, das Kursverluste an der Börse untersagt und nur Unternehmen zulässt, die grundsätzlich steigende Kurse garantieren können. Das wäre mal ein echtes deutsches Alleinstellungsmerkmal.

In einem Land, in dem man immer noch nicht verstanden hat, dass Kursgewinne und Dividenden am Ende nur die Bezahlung für ein Risiko sind. Das Risiko, dass man mit seinem Investment eben daneben lag und es null Dividende und kräftige Kursverluste gibt.

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