andreas streim

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Tag: Kodak

Und bei Kodak weint jemand leise

In dem Jahr, in dem man 25. Jahre Abi feiert bzw. sich aus diesem Anlass mit seinen früheren Schulfreundinnen und Schulfreunden und weniger -freundinnen und -freunden trifft, sind manche Erinnerungen an die Zeit verblasst, in der man morgendlich Klassenräume aufgesucht und gezittert hat, wenn die Lehrkraft vorne langatmig das Notenbuch durchblätterte um zu entscheiden, wessen nicht ausreichendes Wissen heute an der Tafel vorgeführt werden soll. Eine Erinnerung wird mir aber immer erhalten bleiben: Wie man im Neubau die Treppe ganz nach oben gegangen ist und dann dort den Schlüssel, den man vorher im Sekretariat hat abholen dürfen, in die letzte Glastür gesteckt hat, um dort einen weiteren Aufstieg zu ermöglichen. Die Treppe nach oben, links dann der schon seit langem ungenutzte Funkraum – und geradeaus: das Fotolabor. Der Vorraum mit der angeschlossenen Dunkelkammer, aus der dieser nie wieder zu vergessende Duft nach Chemikalien und wunderbaren Glücksgefühlen strömte.

Es sind Gefühle, die man seinen eigenen Kindern, die mit Smartphones und Digicam aufgewachsen sind, wohl nicht mehr vermitteln kann. Wenn man in der Dunkelheit, die nur von mattem Rotlicht schwach verdrängt wurde, den Negativstreifen in das Belichtungsgerät geschoben hat, danach das Fotopapier erst in den Entwickler, dann in den Stopper und schließlich in die Schale mit dem Fixierer gelegt hat. Um dann nach draußen zu gehen und zu schauen, wie das Foto geworden ist. In Schwarz-Weiß natürlich. Denn Farbentwicklung wäre viel komplizierter und teurer gewesen und die technischen Möglichkeiten hatte die Schule auch nicht. Und wie einem einer der Oberstufenschüler, dessen Name inzwischen in der Erinnerung verschwunden ist, beigebracht hat, dass man aus zwei Negativen ein Bild machen kann um so etwa ein Flugzeug in den vorher leeren Himmel über das eigene Haus zu zaubern (dabei das Abwedeln nicht vergessen). Zu Zeiten, in denen von Bildbearbeitung à la Photoshop nicht mal zu träumen war.

Das waren auch Zeiten, in denen die Fotos pro Tag im Urlaub durch die Anzahl der mitgebrachten Filme limitiert waren. Und von der besorgniserregenden Vorstellung, was Entwicklung und Farbabzüge im Lieblings-Fotoladen dann kosten würden. Damals konnte man Erinnerungsfotos bequem im Album abheften, die Negative haben innerhalb von einem halben Dutzend Jahren kaum einen kleinen Ordner gesprengt.

Die Könige dieser Zeit waren Firmen wie Ilford, die diese wunderbaren Schwarz-Weiß-Filme herstellten, die man mit bis zu 1600 ISO kaufen konnte und mit denen man also auch bei Kerzenschein unverwackelte, wenn auch grobkörnige Aufnahmen machen konnte. Und natürlich Kodak, die Farbfilme waren viel, viel besser als die der Konkurrenz von Agfa, waren sich zumindest alle Foto-AG-Foto-Spezialisten einig. Viel bessere Farben, viel… keine Ahnung. Auf jeden Fall besser.

Seitdem ich digital fotografiere, also seit Dezember 2001, stellt sich das Problem, die stetig zunehmenden Datenberge irgendwie sinnvoll zu ordnen. In Verzeichnissen auf der Festplatte natürlich, aber das funktioniert gerade mal so bei großen Urlaubsreisen, bei denen unter einem Stichwort klar ist, was zu finden ist. Aber die Alltagsfotografie, bei der man nicht mehr genau weiß, wann denn nun dieses Foto entstanden ist, als der Sohn den ersten Zahn verloren hat – wie findet man diese Aufnahmen wieder?

Eine zeitlang habe ich es unter Windows mit einer Software namens Imatch versucht. Tolle Datenbank, die die Informationen, die man dem Bild mühsam mitgegeben hat (Ort, Stichworte, Titel, Beschreibung) im sogenannten IPTC-Standard im Foto selbst abgelegt hat und eine recht mächtige Suchfunktion hatte. Nach dem Umstieg auf Linux musste man so diese Bild-Informationen nicht noch einmal neu erfassen, die dortigen Programme wie etwa Shotwell waren in der Lage, auch darauf zurückzugreifen. Aber je mehr man fotografiert und je mehr Bilder anfallen, um so mehr kommt man mit der Beschriftung, Verschlagwortung, Archivierung ins Hintertreffen.

Und dann kommt Google.

Der neue Dienst Google Photos erlaubt es einem nicht nur, beliebig viele Bilder in Originalgröße (zumindest für mich, der nichts von 16-Megapixel-Kameras hält und seiner Nikon D70 seit längerem treu ist) hochzuladen. Nein, die werden auch noch vollautomatisch chronologisch nach Aufnahme sortiert und von einem Assistenten, der die besten Aufnahmen auswählt, zu virtuellen Fotobüchern zusammengestellt („Reise nach Jerusalem und Tel Aviv“). Nein, die Bilder werden auch noch ohne etwas einzugeben auffindbar.

Gibt man im Suchfeld Zahn ein, erscheinen sofort eine ganze Reihe von Fotos, die Menschen beim Lächeln oder Schauen mit auffällig gebleckten Zähnen zeigen. Und natürlich auch das Foto vom Mund mit dem ausgefallenen Zahn. Oder bei „Grabstein“ findet er natürlich das Bild vom Friedhof in Boston, damals, auf der Reise. Er legt Sammlungen von Fotos mit Tieren an, von Seen, von Stränden. Nicht perfekt, ab und an rutscht noch eine unpassende Aufnahme dazwischen. Aber der Weg ist vorgezeichnet, wir sparen uns die Zeit fürs Beschriften, Verschlagworten, Einsortieren, Ablegen. Nur Anschauen müssen wir – noch – selbst. Das ist schon eim bisschen gruselig, aber auch ungemein praktisch.

Die Helden des neuen Fotografierzeitalters sind nicht Ilford und Kodak, sondern Google. Die Platzhirsche, die das niemals für möglich gehalten haben, sind an den Rand gedrängt bzw. verschwunden. Ich bin mir sicher, irgendwo dort weint jeden Tag jemand, weil man so den Anschluss verpasst hat, als man selbst alle Trümpfe in der Hand gehabt hätte. Abwedeln muss heute niemand mehr, selbst Photoshop ist nicht mehr nötig, die Effekte sind nur einen Klick entfernt. Wenn man möchte sieht das Foto aus, als ob es ein Zehntklässler vor fast 30 Jahren in schwarz-weiß in der Dunkelkammer entwickelt hat.

Was Kodak und die Zeitung gemeinsam haben (könnten)

Gleich zwei interessante Blogbeiträge, die schon ein paar Tage älter sind, aber auf die ich jetzt erst gestoßen bin, beschäftigen sich aus US-Perspektive mit der Frage, was die Pleite gegangene Firma Kodak und die Zeitungsbranche gemeinsam haben (könnten).

Steve Yelvington stellt drei Thesen auf:

  • Dein Geschäftsmodel ist nicht das, nach dem es aussieht: Kodak war in Wahrheit kein Foto-Unternehmen, sondern eine große Chemiefabrik. Und vergleichbar seien Zeitungen keine Nachrichten- und Informationsverbreitungsunternehmen, sondern schlicht Anzeigen-Druckhäuser mit komplizierten Auslieferungsketten.
  • Marken verschwinden: Kodak sei über Jahrzehnte der Inbegriff von Qualität in der Fotografie gewesen, kein Vergleich zu den Billigheimern wie Agfa oder Fuji. Aber in der digitalen Welt habe der Name Kodak seine Bedeutung verloren. Vergleichbar würden viele Zeitungshäuser immer noch auf die lange Geschichte ihres Namens und der damit verbundenen Verlässlichkeit setzen.
  • Marktverwerfungen passieren nicht nur einmal: Kodak hat früh auf den digitalen Markt gesetzt, aber trotzdem wurde das Unternehmen irgendwann von Smartphone & Co. abgehängt. Ebenso haben die Zeitungen bereits den Kleinanzeigenmarkt verloren (an Craiglist oder mobile.de zum Beispiel).

Nur wer das sehe und verstehe, so Yelvington, habe die Chance, das immer zersplitterte Publikum, die Kundschaft, wieder zusammenzuführen und zu überleben.

Ken Doctor vergleicht ebenfalls die Printmedien mit der untergegangenen Kodak sowie der insolventen Warenhauskette Spears. Interessante Analyse und Gegenüberstellung der (Umsatz-)Zahlen, die für die Medien nicht besonders gut aussehen.

Daraus zieht er fünf Lehren für das Zeitungsmanagement im Jahr 2012:

  • Man sollte den eigenen Sch… nicht glauben: Die Werbesprüche und Durchhalteparolen, die man für Außenstehende äußert, beinhalten die Gefahr, dass man diese Geschichten als Unternehmen selbst zu glauben beginnt.
  • Kostensenkung ist keine Innovation: Gerade Spears habe über Jahre immer und immer wieder Kosten gesenkt und damit dafür gesorgt, dass das Einkaufserlebnis ständig unattraktiver für die Kunden wurde, was zur nächsten Kostensenkungsrunde führte. Ebenso hätten viele Medien zuletzt ständig Personal eingespart und stünden jetzt den Herausforderungen des digitalen Marktes mit viel weniger Leuten als früher gegenüber.
  • Ständige Umstrukturierung verdeckt nur Probleme: Kodak und Sears reorganisieren nun ihre Abteilungen – und Zeitungshäuser haben in den vergangenen Jahren ständig gewechselt von unabhängigen Online-Abteilungen zu integrierten Newsrooms und zurück. Am Ende steht nur eins: zeitverlust.
  • Verkaufserlöse bringen nur kurzfristig Luft: In der Krise wird versucht, Vermögen zu versilbern. Seien es Patente (Kodak) oder Liegenschaften und Gebäude (Medien). Letztlich bringt das allenfalls kurze Luft zum Atmen.
  • Und das größte Problem: Alte Industrien sind dem Produktionsdenken verhaftet: Kodak produziert Produkte, Sears verkauft Produkte, Zeitungen drucken Produkte. In der neuen Welt geht es aber um Service – etwa wenn die iPhone-Fotos nicht ins Fotoalbum kommen, sondern nur eine Form der erweiterten Erinnerung sind. Nachrichten sind ebenso keine phyischen Produkte (mehr)!

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