andreas streim

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Schlagwort: Journalismus (Seite 1 von 2)

Tote Kängurus klicken besser als der Job-Verlust

Ich habe heute im Radio gehört, dass Bombardier in Hennigsdorf mehrere hundert Stellen streichen will. Das hat mich interessiert, ja, es hat mich betroffen gemacht. Als langjähriger Journalist in der damals noch vorhandenen Wirtschaftsredaktion der „Märkischen Allgemeinen“ war Bombardier im Norden von Berlin als einer der wichtigen Arbeitgeber im Land ein bedeutender Gegenstand der Berichterstattung. An so einem Unternehmen hängen viele Arbeitsplätze, direkt im Unternehmen, indirekt bei Zulieferern. Aber in so einem Unternehmen werden auch immer wieder tolle Innovationen entwickelt, Projekte gestartet, arbeiten interessante Leute.

Weil ich also gehört hatte, dass dort so viele Job verloren gehen werden, wollte ich mich heute Abend dazu mal genauer informieren. Und wo tut man das? Natürlich beim Online-Auftritt der Regionalzeitung vor Ort. Was ich dort gefunden habe, hat mich dann aber überrascht. (Würde meine alte Zeitung in ihrer neuen Art vermutlich teasern vor diesem Link zum Weiterlesen.)

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Die kleine Redaktion am Rande der Stadt

Man kann Bücher selber schreiben – oder sie doch lieber von anderen lesen. „Die tote Kuh kommt morgen rein“ von Ralf Heimann ist so ein Buch. Es beschreibt den – ich verzichte mal auf passende Adjektive – Alltag in einer Zeitungsredaktion, in einer kleinen Lokalredaktion der Zeitung, um genau zu sein.

In meiner Zeit bei der „Märkischen Allgemeinen“ haben wir oft während oder nach der Nachmittagskonferenz zusammengesessen und darüber geredet, dass man dieses oder jenes mal als Buch aufschreiben oder gleich ein Drehbuch zur „Kleinen Zeitugn am Rande der Stadt“ verfassen sollte. Ralf Heimann hat das Buch geschrieben, über das wir so immer nur geredet haben.

Gut, es hat ein paar Längen und manche Geschichten spiegeln weniger die Zeitung mit ihren Leuten und Alltäglichkeiten wider, sondern mehr das Leben im flachen Münsterland und in kleinen Dörfern allgemein. Und nicht jeder Witz zündet. Aber insgesamt ist der dünne Roman, auf den ich dank einer Rezension von Thomas Knüwer gestoßen bin, sehr unterhaltsam. Zumindest für Journalisten oder solche, die es gewesen sind (oder vielleicht werden wollen).

An sehr vielen Stellen habe ich Dinge wiedererkannt (und ich verrate jetzt nicht an welchen), aber vor allem die Beschreibung des Rituals der Blattkritik habe ich – ungelogen – 1:1 so erlebt, und zwar so oft, dass man es gar nicht zählen kann. Ich zitiere hier mal aus dem Beitrag von Thomas Knüwer, der den Textausschnitt aus dem Buch wiedergibt:

“Meistens hatte der, den es traf, die Zeitung nicht gelesen. Das machte die Kritik schwer, aber nicht unmöglich. Norbert zum Beispiel behalf sich mit Sätzen, die eine Bewertung simulieren konnten…

,Die Eins ist sehr schön. Schöne Bilder. Schöner Aufmacher. Gefällt mir gut. Das Bild hätte ich vielleicht noch etwas größer gemacht. Aber sonst sehr gut. Auf der Zwei: schönes Lesestück. Interessantes Thema. Die Bilder find ich sehr schön. Gut aufbereitet. Die Grafik ist sehr übersichtlich. Leserfreundlich. Das ist sehr ansprechend. Auf der Drei fehlt mir ein bisschen der Halt. Das Bild ist zu klein. Das ist alles sehr bleilastig. Da hätte ich mir im Text auch noch mehr Absätze gewünscht. Aber ansonsten: Gut, dass wir das Thema haben. Sehr schön auch die Vier. Vor allem optisch. Tolle Überschrift. Nicht ganz so gut gefällt mir das Bild. Aber großes Lob an Carsten. Schöne Reporte. Hab ich gern gelesen. Dann noch die Fünf. Ja, was soll ich sagen: Die Fünf ist die Fünf. Gute Themen. Alles übersichtlich. Da fehlt nichts, so weit ich das sehe. Und noch schnell ein Blick in die Konkurrenz. Der Aufmacher auf der Eins. Ja, kann man machen, muss man aber nicht. Ansonsten nichts, was wir nicht auch haben. Alles in allem würde ich sagen: Wir haben eine gute Ausgabe gemacht.’”

Es gibt die eher langsamen gemächlichen Kollegen, den Chefredakteur, dessen Bitten sich so schwer abschlagen lassen, und wunderbare Schilderungen von Themenkonferenzen, etwa zur Somemrzeit.

Und das Buch endet so, dass es geradezu nach einer Fortsetzung schreit. Vielleicht gibt es ja bald noch mehr Episoden aus dem Jouranlistenleben. Sonst müsste man ja doch noch mal selbst aufschreiben… Aber Lesen macht eigentlich viel mehr Spaß.

Klaus Kinski zur SPD-Mitgliederbefragung

Oder so ähnlich. Früher hätte man sich wegen so ein bisschen „Quatsch“ im TV-Interview auf jeden Fall nicht aufgeregt.

Oder direkt zu Minute 6:00 springen.

Digitales Faksimile IV – über den Tellerrand

Ein interessanter Beitrag über eine Studie der Washington Post, warum junge Leute Digital Natives irgendwie keine gedruckten Zeitungen lesen wollen.

In dem Text kommt der Autor zu dem Schluss, dass es nicht nur um das Print-Produkt geht, sondern auch digitale Angebote der Verlage nicht so einschlagen, wie vielleicht zu erwarten wäre.

Unfortunately, the digital strategy undertaken to date by most publishers is to port their newspaper-style content to the web and then repurpose the material to mobile devices. The warmed-over digital fare offered by the typical newspaper falls well short of the expectations of two whole generations of individuals who are not only empowered by technology to consume media but also know how to use it to make their own. This explains the explosive growth of Facebook, YouTube, Twitter and a host of other do-it-yourself media.

Das entspricht ja meinen ersten Erfahrungen mit E-Papern. Das digitale Angebot erfüllt einfach die Erwartungen. Darum geht es nämlich letztlich, nicht um (die eher billige Ausrede) eine(r) vermeintliche(n) Gratiskultur im Web, wie erfolgreiche Bezahldienste (z.B. iTunes) oder auch das Geschäft mit Apps jenseits der Medienbranche zeigen.

Digitales Faksimile

Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein gedrucktes Buch gekauft habe. Seitdem ich die Kindle App auf meinem Nexus-7-Tablet habe (vorher das Galaxy Tab) kaufe ich digital ein. Schnell, bequem und bei englischsprachigen Büchern auch noch deutlich billiger.

Eine digitale Zeitung lese ich nicht. Also ich lese Webseiten von Zeitungen im Internet, aber ich nutze keine App oder das, was die Verlage E-Paper nennen.

Damit bin ich in guter Gesellschaft. Denn laut BeyondPrint.dehaben die Verlage m dritten Quartal 2012 rund 227.700 verkaufte E-Paper-Exemplare angegeben. Klingt viel. Doch vergleich man das mit der verkauften Gesamtauflage von 22,58 Millionen Tages-, Wochen- und Sonntagszeitungen pro Veröffentlichungstag so ist das – bei allen Steigerungsraten – erbärmlich wenig.

Woran liegt das? Wenn man morgens oder abends in der S-Bahn schaut, so sitzen da deutlich mehr Menschen mit Smartphones, Kindles und Tablets rum als solche mit gedruckten Erzeugnissen. Da müsste es doch einen riesigen Markt geben. In dem Artikel gibt es einen schönen Satz, der dafür die notwendigen Erklärungen liefert. So sei

auch die Zahl der Titel gestiegen, die überhaupt als „digitales Faksimile“ erscheinen. Sind es im Jahr 2011 noch 90 Titel gewesen, waren es im letzten Jahr bereits 124 Titel.

Will sagen: Erstmal gibt es eine Vielzahl von Zeitungen gar nicht für Tablet & Co. Auch zum Beispiel meine regionale Tageszeitung, die ich aus Verbundenheit immer noch lese. Sollte eigentlich im vergangenen Frühjahr kommen, jetzt soll es dieses Jahr im Frühjahr werden, hört man. Zeit, so scheint es, hat man in der Medienbranche.

Der zweite Grund steckt in der Formulierung „digitales Faksimile“. Denn genau das sind viele digitale Zeitungen immer noch. Ich habe mal ein Produkt aus dem Norden gewählt. Man installiert eine Android App und kann von dort Ausgaben kaufen und über Google bequem bezahlen. So weit, so gut.

Doch was erhält man? Ein PDF. Das sieht dann beim Öffnen der Ausgabe tatsächlich so aus:

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Das heißt, es wird sogar der ganz normale System-PDF-Viewer genutzt. Und wer mehrere installiert hat, muss sich entscheiden. Und was bedeutet das? Weiterlesen

Journalisten, vergesst den 1. April!

Dieses Jahr meint es der Kalender gnädigt mit uns. Der 1. April ist ein Sonntag – und an dem erscheinen die meisten Tageszeitungen nicht. Dadurch sind uns viele, viele April“scherze“ erspart geblieben.

Nun ja, die Sonntagszeitungen. Sicher. Da werden Milchstraßen auf der Titelseite umbenannt oder eine Hundekot-Ortungs-App vorgestellt. Haha, ja, gelacht. Oder so.

Warum glauben eigentlich Journalisten, sie müssten ihre Kundschaft in den April schicken?

Wer fände es lustig, wenn es morgens klingeln würde und eine Dame vom Ordnungsamt einen auffordern würde, rasch runterzukommen, da würde gerade das Auto abgeschleppt. Und wenn man im Schlafanzug runtergehetzt ist steht da zwar wirklich eine Ordnungsamtsmitarbeiterin, lacht aber nur und ruft „April! April!“.

Oder falls man am 1. April zum Arzt muss und der nach der Untersuchung erstmal Blut abnehmen lässt, dann bedächtig ernst mit dem Kopf schüttelt und was von „ernst, sehr ernst“ murmelt, eine Überweisung zum Facharzt ausstellt und einen auffordert, ganz, ganz schnell dort hin zu gehen. Und erst die Sprechstundenhilfe vorne einen launig mit „April! April!“ aufklärt, dass alles ja nur ein Witz gewesen und man selbst außer dem kleinen Schnupfen kerngesund sei.

Oder wenn beim Einschieben der EC-Karte in den Geldautomaten die Meldung kommt, „Karte einbehalten. Konto gesperrt“. Und das Gerät erst nach einer Minute, während der man fluchend auf das Gehäuse eingeschlagen hat, mit einem blinkenden „April! April!“ fragt, ob man jetzt noch Geld abheben wolle.

Das wäre alles bestimmt sehr, sehr komisch. Nicht.

Dienstleister sollten ihre Kunden nicht veralbern, schon gar nicht, wenn die für eine Leistung bereits bezahlt haben. Nicht am 1. April und auch sonst nicht. Man kann Freunde, Verwandte, Bekannte, Familienmitglieder in den April schicken, wenn man das eine lustige Tradition findet. Aber das reicht dann auch.

Fromme, gesunde bürgerliche Journalisten

„So ähnlich“ wie „Soziale Netzwerke für Nachrichtenjournalisten“? Ist doch eine einfache Antwort: „Gesundheit für die Seele“ und „Bürgertum und Frömmigkeit“. Sollte unserem Berufsstand doch echt zu denken geben.

Dieses 140-Zeichen-Ding

Weil es gerade so gut zu meinem Text „Liebe Zeitung, so wird das nichts“ passt, hier eine hübsche, wenn auch etwas ältere Studie zu Twitter.

Und, ja, Eilmeldungen erklären nicht die Hintergründe der Finanzkrise. Aber sie erzählen uns vielleicht, dass Bank XY gerade pleite ist. Und das ist ja auch was.

Wenn Journalisten Python statt Artikel schreiben

Ich bin seit zwölf Jahren hauptberuflich Journalist, fast ausschließlich bei einer Tageszeitung in der Print-Redaktion. Seit geschätzten 25 Jahren bin ich aber auch Hobby-Programmierer. Basic, Pascal, C, Java, Python – was sich eben gerade eignet oder es zur jeweiligen Zeit auf dem jeweiligen System überhaupt gab. Und seit inzwischen auch einigen Jahren blogge ich, twittere ich, treibe ich mich an den digitalen Orten rum, die heute unter „Social Media“ zusammengefasst werden.

Insofern verwundert es kaum, dass ich mit großem Interesse verfolge, was der „Guardian“ so treibt. Wie Printprodukt und digitale Welt verwoben werden, wie im Netz experimentiert wird – mit offenen Schnittstellen zu den eigenen Artikeln, Datenvisualisierung oder zuletzt mit dem @GuardianTagBot auf Twitter.

Der @GuardianTagBot beantwortet an ihn gerichete Fragen mit Artikeln aus dem Online-Angebot des „Guardian“. Wenn man also twittert „@GuardianTagBot How is the situation in Bangkok“ dann bekommt man per Twitter eine Antwort, die einen Link auf eine Seite enthält, auf der der TagBot relevante Suchergebnisse zusammengefasst hat. (Das @GuardianTagBot in der eigenen Nachricht ist nötig, damit sich der kleine digitale Helfer überhaupt angesprochen fühlt.)

Im Prinzip nutzt der TagBot nur die Suchfunktion auf der „Guardian“-Seite und die interne Verschlagwortung der Texte. Und er versucht aus umganssprachlich gestellten Fragen die relevanten Suchbegriffe herauszufiltern.

Einem Journalisten mit ein paar Programmierkenntnissen stellt sich da die Frage: Kann man das nicht auch machen?

Man kann. Der @brandenbot beantwortet deutschsprachige Fragen, vorzugsweise mit Bezug zum Bundesland Brandenburg, unter Rückgriff auf die Online-Ausgabe der größten Brandenburger Tageszeitung, der „Märkischen Allgemeinen“ (die nicht zufällig mein Arbeitgeber ist, aber der @brandenbot ist dennoch ein reines Freizeit-Projekt).

Hinter dem @brandenbot verbirgt sich ein kleines Pyhton-Skript von etwa 200 Zeilen, das eigentlich nur folgendes tut:

  • auf Twitter horchen, ob eine Frage an ihn gestellt wird
  • aus der Frage die relevanten Suchworte identifizieren
  • eine Suchabfrage starten und die komplette Rückmelde-Seite auslesen
  • den Seiteninhalt auswerten, bestimmte Suchergebnisse (wie dpa-Tagesvorschauen) verwerfen, doppelte Einträge ausfiltern und das Ergebnis neu zusammensetzen
  • weil pro Seite nur 20 Ergebnisse ausgegeben werden, gleich noch – sofern vorhanden – die zweite Ergebnisseite auswerten
  • eine neue HTML-Seite in einer für Mobilgeräte lesbaren Form erzeugen, die neben kurzen Anrissen den Link auf den Volltext bei der „Märkischen Allgemeinen“ enthält, und auf einen Server hochladen
  • per Twitter den Fragesteller über den Link zur Ergebnisseite informieren

Nach ca. einem Tag Arbeit kann der @brandenbot Fragen beantworten wie

@brandenbot Wann ist Richfest im Potsdamer Landtag?

@brandenbot Wie haben FC Bayern München und Nürnberg gespielt?

oder

@brandenbot Gibt es Wölfe in Brandenburg?

Die ersten Ergebnisse sind in diesen Beispielen bereits aussagekräftig. Da der @brandenbot nicht auf Schlagworte o.ä. zurückgreifen kann, sondern sich auf eine Volltextsuche stützt, wird bei einer Frage nach „Merkel“ auch ein Text weit oben angezeigt, der einen Fußballschiedsrichter namens „Merkel“ enthält, neben sehr vielen Treffern zur Bundeskanzlerin.

Man muss den @brandenbot übrigens nicht mit vollständigen Sätzen füttern. Gerne beantwortet er auch klassische Suchanfragen wie „@brandenbot Dienstwagen Brandenburg Platzeck“.

Probieren Sie den @brandenbot doch einfach mal aus und stellen Sie ihm eine Frage (und schreiben Sie mir Ihre Meinung in die Kommentare hier) – aber vergessen Sie nicht, dass es sich nur um eine Spielerei handelt um zu zeigen, mit wie wenig Aufwand solche Aufgaben eigentlich zu lösen sind.

Update 4.11.2011:

Der @brandenbot beantwortet jetzt auch Mails, die an brandenbot [ät] streim.de gerichtet sind. Die Frage muss in der Betreffzeile stehen, zum Beispiel „Was ist mit dem Referendum in Griechenland?“. Der Text der Mail kann leer sein, er wird ignoriert.

Der @brandenbot schickt dann an binnen 3 bis 5 Minuten eine Antwort an die Email-Adresse, von der die Frage kommt.

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch

Ich bin unsolidarisch, arrogant, unfähig und ein echter Arsch – das würde ich von mir selbst natürlich nicht einfach so sagen. Und ich glaube auch nicht, dass es stimmt. Aber es gibt jemanden, der würde das vermutlich anders sehen: Hardy Prothmann, Journalist und Unternehmer, brancheninterner Vorzeige–Blogger.

Herr Prothmann schreibt in einem Blogbeitrag einen recht langen Text – im Netz würde man es gemeinhin wohl als Rant bezeichnen – darüber, warum er keinen Funken Solidarität mit den streikenden Zeitungsredakteuren hat. Und warum dieser ganze Berufsstand sowieso, ich fasse jetzt mal frei zusammen, Abschaum ist.

Das liest sich dann so:

Deswegen hat es sich auch schon mit meiner Solidarität gegenüber den Zeitungsredakteuren. Ich werfe den meisten von ihnen Kumpanei, Mittäterschaft, Honorar-Dumping, Untertanentum, Eitelkeit, Überheblichkeit, Weltentrücktheit und Respektlosigkeit vor. Sie sind Teil eines mafiosen Systems und haben solange still gehalten, solange sie ihren Teil der Beute abbekommen haben. (…)

Es gibt keinen unsolidarischeren Haufen als diese Zeitungsredakteure, die sich einen Dreck drum scheren, wie es “ihren” freien Mitarbeitern geht. Meist erlebt man Arrogantlinge, die vor Selbstüberheblichkeit kaum noch laufen können und mit ihrer Schere im Kopf ständig bemüht sind, keinen Ärger zu bekommen, statt “Anwalt des Lesers” zu sein und “Missstände aufzudecken”. (…)

Man kann vermuten, dass einige Redakteure bei Tageszeitungen journalistisch auch einfach zu inkompetent sind, um dieses Zusammenhänge verstehen zu wollen, geschweige denn zu sehen.

Und wenn Leserinnen und Leser wüssten, wie respektlos und despektierlich sich “Redakteure” oft über ihre Kunden auslassen – sie wären entsetzt. “Die da draußen” sind für viele Redakteure einfach nur dumme Leute.

etc. pp.

Demgegenüber wird der fleißige Freie gestellt, der nur dem journalistischen Ethos verpflichtet ist, absolut druckfertige und auf Zeile geschriebene Texte abliefert, und dafür mit einem Hungerlohn abgespeist wird.

Es wäre billig mit den Beispielen aus dem Arbeitsalltag zu kontern, in denen ein Freier statt zu recherchieren nur mit einer Person redet, am besten noch am Telefon, und das dann runterschreibt. In einer Sprache, die entfernt an Deutsch erinnert. Und das Ergebnis per Mail schickt, wodurch die Länge nicht so ganz mit dem Vereinbarten übereinstimmt. Oder den eigenen Verein / Freund ins beste Licht rückt bzw. den Lieblingsgegner mal wieder so richtig in die Pfanne haut. Und grantig wird, wenn der Redakteur das hinterfragt, kritisiert, redigiert.

Nein, das würde nicht weit genug führen. Diese Verallgemeinerung der Tageszeitungsredakteure – auch wenn bemüht häufig von „die meisten“ gesprochen wird, ohne Zahlen zu nennen (die es ja auch nicht gibt) – funktioniert nicht, genauso wenig wie mit „die meisten Ärzte sind nur geldgierige Porschefahrer“, „die meisten Anwälte sind Schweine, denen alles Recht ist, wenn sie nur ihr Honorar bekommen“, „die meisten Polizisten sind Rassisten und geil darauf, mal ordentlich zuzuschlagen“. Ein guter Journalist sollte eigentlich schon früh in seinem Berufsleben gelernt haben, sich vor solchen Verallgemeinerungen zu hüten. Und vor der inflationären Benutzung von „die meisten“, wenn man keine Quelle angeben kann.

Ja, Redakteure sind Angestellte die (in der Regel) das tun, was ihnen Vorgesetzte anweisen. Wie in jedem Betrieb. Weil sie ihren Job behalten wollen – was für mannchen offenbar an sich schon verwerflich ist. Sie zahlen die Sätze, die eine Honorarrichtlinie vorsieht und legen nicht einfach mal einen Fuffi oder Hunni drauf, weil der freie Kollege sich so bemüht hat. Sie drucken kürzere Texte als ursprünglich geplant waren, weil ihnen eine Anzeigenabteilung plötzlich eine Anzeige auf die Seite gesetzt hat (durch die Gehälter und Honorare bezahlt werden).

Ja, Redakteure sprechen manchmal abwertend über andere, auch über Leser. Allerdings auch über Chefredakteure und Geschäftsführer, hin und wieder. Wer allerdings schon einmal Ärzte über ihre Patienten, Anwälte über ihre Mandanten oder Politiker über die Wähler hat reden hören, der dürfte wissen: das ist etwas ziemlich normales. Frustabbau. Und ich kenne sogar Freie, die sich abfällig über Leser geäußert haben. Und, ja, sogar Online-Journalisten, die so über die Internet-Kundschaft sprechen.

Ja, es gibt Redakteure, die ihre kleine Macht gegenüber den Freien ausleben. Das sind aber meistens solche Charaktere, die sich gegenüber festangestellten Kollegen oder Redakteuren, über denen sie stehen, auch nicht anders verhalten. Aber es gibt auch Redakteure die sich bemühen, den vorhandenen Spielraum – der immer kleiner wird – auszuschöpfen und versuchen, fair mit Freien, die sie als Kollegen ansehen, umzugehen. Ich kenne sogar einige von ihnen.

Ich glaube übrigens nicht, dass es bei der Polemik gegen Redakteure darum ging, auf irgendwelche Missstände hinzuweisen oder gar auf Besserung hinzuwirken. Sondern vor allem um Aufmerksamkeit, Klicks, Interviewanfragen, Publicity, Marketing. Und das ist ja auch gelungen. Irgendwie finde ich das ziemlich unsolidarisch und arrogant. Aber unfähig, das ist es wirklich nicht.

Ich habe die erste Fassung des Textes ein wenig überarbeitet, nachdem wir der Autor der Polemik eine Nicht-Drohung hat zukommen lassen. Dazu hier mehr.

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