andreas streim

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Schlagwort: Internet

Asoziale Politik

Ich kann es nicht mehr hören. Die Klage kommt ja regelmäßig wieder. Böse Internet-Konzerne zahlen keine oder kaum Steuern. Jetzt hat Gabriel damit die Parteibasis bespaßt, wie dpa berichtet:

Zugleich attackierte er [Gabriel] die Datenkonzerne: „Wir müssen den Silicon-Valley-Kapitalismus zähmen.“ Mir Blick auf Steuervermeidungsstrategien von Konzernen wie Apple, Amazon und Google in Deutschland sagte Gabriel: „Das ist asozial.“

Klar gibt es Leute, die freiwillig Steuern zahlen, mehr als sie müssten, aber das ist eher die Minderheit.

Zu Gabriels Klage gibt es genau zwei Möglichkeiten:

Entweder die Konzerne verstoßen gegen geltendes Recht. Dann sollte man sie nicht beschimpfen, sondern bestrafen.

Oder sie nutzen einen Spielraum, den ihnen die Politik gewährt. Dann gibt es auch keinen Grund für Beschimpfungen, sondern für Gesetzesänderungen. So sind am Ende nicht die Konzerne “asozial“, sondern allenfalls die Politik.

Ansonsten befürchte ich, dass der “Silicon-Valley-Kapitalismus“ auch dann nicht mehr weggeht, wenn die SPD (oder eine andere Partei) das mit großer Mehrheit beschließen sollte. Die Dampfmaschine ist auch ziemlich lange nicht wieder weg gegangen…

Fernsehsender 1.5

Fernsehen ist heute längst nicht mehr an eine Ausstrahlung über terrestrische Frequenzen oder Satellit gebunden. Nein. Eigentlich alle Fernsehsender unterhalten mehr oder weniger attraktive Angebote im Web.

Das ist toll. Denn so kann man den „Sandmann“ – nach der Ausstrahlung im TV – jederzeit schauen. Also vor allem dann, wenn Sohnemann wirklich ins Bett geht.

Der (C)opyright-Hinweis von 2009 ist auch lustig.

Der (C)opyright-Hinweis von 2009 ist auch lustig.

Blöd ist nur, dass der RBB seine Internetplattform eher stiefmütterlich behandelt. Durchaus regelmäßig startet der aktuelle Film auf der Seite einfach nicht. Weder auf dem einen PC noch auf dem anderen noch via Tablet. Also irgendwo ist da der Wurm drin. Oder im Internet wird etwas anderes gezeigt, als am Vortag noch in der Vorschau versprochen wurde (Buh! Sowas mögen kleine Kinder ja gar nicht.).

Ich würde es mal so formulieren: Wenn der RBB so viele Sendeausfälle hätte wie Probleme mit dem Sandmann-Online-Auftritt, dann wäre wohl was los. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Medium doch immer noch ziemlich stiefmütterlich behandelt wird. Meine ganz persönliche Erklärung: Immer dann, wenn der RBB-Sandmann-Web-Verantwortliche Urlaub hat oder krank ist, muss jemand anderes „das Filmchen hochladen“. Und dann geht was schief. Aber das ist nur eine ganz private Vermutung. Vielleicht ist ja auch alles ganz anders.

Auf jeden Fall ist es bis zum Fernsehsender 2.0 noch ein kleiner Weg.

Weinen über das Leistungsschutzrecht

Man möchte weinen… über die Bayerische Staatsregierung (und andere).

„Wer die Leistung von Presseverlagen im Internet für die eigene Wertschöpfung gewerblich nutzt, muss dafür zahlen“, so [Bayerns Justizministerin Dr. Beate, Anm.] Merk abschließend. Dabei stellte sie klar, dass Privatpersonen von dem Leistungsschutzrecht ohnehin nicht betroffen sind.

Es gibt da ja schon verschiedene Fragestellungen dazu im Netz – etwa, ob Taxifahrer künftig an Restaurantbesitzer einen Teil des Fahrgelds abgeben müssen, weil sie ja schließlich die Existenz des Restaurants für die „eigene Wertschöpfung“ nutzen. Klingt absurd, wäre aber nur konsequent. Der Hotel- und Gaststättenverband sollte sich da mal in Stellung bringen.

Ich frage mich gerade: Zahlen eigentlich Zeitungen an die Börsenbetreiber für die Veröffentlichung des Dax? Oder des Fernsehprogramms? Schließlich profitieren sie für die „eigene Wertschöpfung“ von der Leistung der Deutschen Börse und der Fernsehsender. Ach so, die sind ja froh, dass die Informationen verbreitet werden? Dass die Leute überhaupt wissen, wann sie den Fernseher einschalten müssen? Ja dann…

Dass diese Debatte von einer Seite weitgehend faktenfrei geführt wird, zeigt auch diese Passage:

„Auf Dauer lebt das Internet doch gerade auch von den Inhalten. Wenn Verlage keinen Anreiz mehr haben, Qualität für das Internet zu produzieren, sehe ich die Gefahr, dass diese Angebote in den kostenpflichtigen Bereich abwandern. (…) [sagte Merk].

Die Verlage verdienen ja schon heute Geld mti der Aufmerksamkeit, die sie über Links von Suchmaschinen und anderen bekommen. Man nennt es Werbung. Wenn die Einnahmequellen über Bezahlinhalte besser sprudeln, dann lässt sich das kaum ändern. Die Differenz aber durch eine Zwangsabgabe auszugleichen, ist schon eine merkwürdige Idee. Abgesehen davon gibt es im Internet auch jenseits von Verlagen eine Menge Information. Wer ab und an dieses Web besucht, weiß das eigentlich. Sonst kann man es nachlesen, etwa in solchen Studien.

Liebe Zeitung, so wird das nichts

Die Zeitungen in Deutschland buhlen um Leser. Angesichts sinkender Auflagen sicher keine schlechte Idee. Aktuell werden aus diesem Grund Image-Anzeigen geschaltet unter dem Motto „Die Zeitungen. Eine schlauere Welt ist machbar“.

Erstmal eine gute Idee. Ich bin da sicher nicht neutral, schließlich arbeite ich für eine Tageszeitung, aber ich glaube wirklich daran, dass die tägliche Lektüre einer Tageszeitung die meisten Menschen schlauer macht bzw. machen würde. Und die – mich – leicht nervende werbige Sprache des Textes: geschenkt. Es ist eben Werbung, gemacht von einer Werbeagentur.

Schön finde ich auch, dass man sich nicht allein auf das gedruckte Wort beschränkt hat, sondern gleich im ersten Satz ePaper und iPad-Apps mit ins Boot holt. Der leichte Nervfaktor, dass zwar die meisten Verlage auch Apps für Android, mein bevorzugtes System, im Angebot haben, Werber aber offenbar nichts jenseits des Apple-Horizontes kennen, soll mal außen vor bleiben.

Richtig dämlich Wenig zielführend finde ich dann aber den Ansatz, die eigene Qualität gleich mal wieder gegen das böse, dumme, schlechte Internet abzugrenzen.

Weil die Zeitung glaubt, dass uns eine 140 Zeichen lange Twitter-Meldung nicht die Ursachen der Finanzkrise erklären kann.

Jaja, diese doofe, kurzatmige, oberflächliche Twitter. Hat von den Anzeigenmachern und -abnehmern schon mal jemand da reingeschaut? Praktisch jede Zeitungsredaktion hierzulande twittert doch selbst. Wieso eigentlich? Und wenn man mal so ein bisschen auf Twitter schaut, dann wird einem auffallen, dass da ganz, ganz oft Links getwittert werden. Wenn man da draufklickt, landet man bei großen Fotos oder langen Texten. Viel länger als 140 Zeichen.

Wie man so eine herablassende Art gegenüber dem Medium, das durch die Umbrüche in den arabischen Ländern im vergangenen Jahr wirklich im Mainstream angekommen ist, hervorbringen kann, erschließt sich mir nicht.

Vor allem ist das Argument gefährlich. Denn man könnte auch fragen, ob ein 100-Zeilen-Tageszeitungs-Artikel denn diese Anforderung, „die Ursachen der Finanzkrise“ zu erklären, erfüllen kann. Ich behaupte mal: Nein. Und ein 25-Zeilen-Kommentar durchdringt das Thema in all seinen Facetten? Kaum.

Aber ein guter Artikel kann aufzeigen, wo die Finanzkrise auf die Menschen in der Region durchschlägt. Und ein kluger Kommentar kann sich ein Detail herausgreifen und einordnen. So wie ein Tweet ein O-Ton vom Ort des Geschehens sein kann oder der Link auf einen spannenden Artikel in einer US-Regionalzeitung, auf den man sonst nie, nie, nie gestoßen wäre.

Ich mag Zeitungen. Ob sie gedruckt sind oder digital erscheinen. Ich halte Journalismus für ungemein wichtig, egal welchen Verbreitungskanal er für seine Geschichten und Rechercheergebnisse wählt. Und deshalb mag ich es nicht, wenn „die Zeitungen“ ihre Bedeutung dadurch erklären, dass sie sich vom dummen, bösen Internet abgrenzen. Liebe Zeitung, ich befürchte, so wird das nichts mit der Zukunft. Ich persönlich finde im Netz – und auch bei Twitter – viel mehr als nur „wer, wie, was?“, sondern eine Menge „wieso, weshalb, warum“? Und es gibt genügend gedruckte Texte, die bei „wer, wie, was?“ stehenbleiben.

P.S.

Nur mal als ein Beispiel, was dieses Twitter so kann, liebe Zeitung: Ein Jahresrückblick mit ganz vielen 140-Zeichen-Meldungen.

Als Ulrich Jörges mal das Netz aufräumen wollte

Der Experte für alles und „stern“-Chefredakteur Hans-Ulrich Jörges hat heute auf Radio Eins seinen wöchentlichen Kommentar dem „Manifest“ des Oslo-Attentäters gewidmet.

Neben der für viele Menschen vermutlich bahnbrechenden Erkenntnis, dass Rechtsextreme das Internet als Propagandaplattform nutzen, was Herr Jörges weiß, weil er sich damit mal ausführlich beschäftigt hat, wie er betont, findet er, dass das Manifest aus dem Netz verschwinden muss. Weil es voller Hass ist, Volksverhetzung beinhaltet und sogar Anleitungen zum Terrorismus gibt.

Überhaupt, das Netz muss mal ordentlich aufgeräumt werden, weil es – hier einen kleinen Tusch einfügen – „in Wirklichkeit ein rechtsfreier Raum ist“.

Das Problem ist vielmehr: Im Internet gelten schlicht nicht alleine deutsche Gesetze.

Das mag jemand wie Herr Jörges bedauern, der sich vor einiger Zeit mit dem Internet mal in Zusammenhang mit Rechtsextremismus beschäftigt und dann offenbar die Ausdrucke wieder in die Schublade gelegt hat. Aber die Behauptung, würde das Manifest als Buch gebunden und verkauft, würde es sofort beschlagnahmt, ist nur halb richtig. Hierzulande womöglich. Aber sicher nicht in den USA und vermutlich etlichen anderen Ländern, wo Meinungsfreiheit anders eingeordnet wird.

Wer heute das Manifest auf einem deutschen Server ablegt und zugänglich macht, der kann auch morgen schon Besuch von Staatsanwalt und Polizei bekommen (womöglich sogar dann, wenn man es sich nur beschafft, aber das müssten Juristen klären). So rechtsfrei ist das Internet.

Wenn aber ein US-Amerikaner, nur als Beispiel, das Manifest auf einem US-Server ablegt, dann interessieren ihn deutsche Gesetze, man muss es so sagen, einen Dreck. Und die Buchhandlung jenseits des Atlantiks übrigens genauso wenig.

Interessant wird es dann, wenn Herr Jörges es klasse findet, dass Hacker angekündigt haben, das Manifest aus dem Netz zu nehmen. Wenn die das morgen für alle Gruner+Jahr-Publikationen ankündigen, weil die zum Beispiel ihrer Meinung nach falsch über den Oslo-Attentäter berichtet haben und ihm eine zu große Bühne gegeben haben, dann wird Herr Jörges vermutlich wieder einen „rechtsfreien Raum“ im Internet beklagen. Aber dann wäre zumindest das Problem gelöst, zu welchem Thema er diese Woche im Radio seine Expertise verbreiten soll.

Internet von gestern

Es gibt Ferienhaussiedlungen, da gibt es kabelloses Internet. Das ist prima für Menschen, die Urlaub vom Internet nicht unbedingt erstrebenswert finden. Insofern wäre das eine gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht: Der mir bis dato völlig unbekannte Anbieter heißt Skybites – und man möchte nicht in den Himmel, sondern dauernd in die Tischkante beißen. Denn das Netz ist zwar vorhanden, leidlich stabil und auch nicht maßlos, allenfalls ein bisschen überteuert, aber… man muss sich jedesmal über einen Webzugang anmelden. Das heißt, wenn man eine Internetseite aufrufen will, kommt beim ersten Mal eine Skybite-Seite, fragt nach Benutzername und „Wachtwort“ und leitet dann zur eigentlichen Seite weiter. Oder sagt „technical error“, dann geht das Spiel von vorne los. Oder fragt mal so mittendrin, beim Surfen, ob man sein Passwort noch weiß. Und den kryptischen Benutzernamen.

Bei Skybite weiß man offenbar nicht, dass es mehr als Web gibt. Zum Beispiel Email ohne Web. Um die zu nutzen, muss man vorher also irgendeine Website aufrufen, damit der Zugang freigeschaltet ist.

Noch schlimmer aber: Bei Skybite weiß man offenbar nicht, dass es auch Smartphones gibt, mit denen die zahlende Kundschaft gerne mal ins Netz möchte. Zum Beispiel mit meinem Android-Handy G1. Um dann Emails abrufen zu können, muss ich also vorher in den Browser wechseln, irgendeine Seite anfordern, die mobilunfreundliche Seite ansurfen, dämliche Zeichen- und Ziffernfolge eintippen … und dann geht es. Vielleicht. Oder es kommt der technische Fehler (s.o.) und alles nochmal von vorne.

Nächstes Mal suche ich mir einen günstigen niederländischen Datentarif-Anbieter auf Prepaid-Basis, sowas wie Fonic Niederlande. Das wird es ja wohl hoffentlich geben. Und mache einen Bogen um Skybites – und ihre Netzgängelung anno 1998.

© 2018 andreas streim

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