Mittendrin im Tarifpoker

Die Lohnrunde in der Metallbranche geht los – aber was läuft eigentlich bei den Verhandlungen hinter verschlossenen Türen ab?

ANDREAS STREIM

Am Stammsitz von Heidelberger Druckmaschinen ruht die Arbeit. Vor den Toren von Daimler-Chrysler in Stuttgart haben sich aufgebrachte Beschäftigte mit IG-Metall-Fahnen versammelt. Die Produktion liegt still, Streik in Baden-Württemberg. Die Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie ist im Pilotbezirk vor die Wand gefahren. Und schuld sind: die Journalisten.

Nicht wegen ihrer Berichterstattung, sondern weil sie es diesmal selbst in der Hand hatten, zu einem vernünftigen Abschluss zu kommen – wenn auch nur in der Theorie. In Wirklichkeit ruht die Arbeit in Süddeutschland derzeit natürlich noch nicht. Der Verband der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg hatte nur Medienvertreter in ein Potsdamer Hotel eingeladen, alles besser zu machen, als die realen Vorbilder von Unternehmerverband Gesamtmetall und Industriegewerkschaft Metall. Vergeblich.

Warum ist es eigentlich so schwierig, zwischen den Forderungen der Beschäftigten und dem Angebot der Unternehmer einen Kompromiss zu finden? Warum dauert das immer mehrere Wochen, mit Warnstreiks und nächtlichen Marathonsitzungen? „Die Datenbasis, mit der beide Seiten in die Verhandlungen gehen, ist eigentlich identisch“, räumt Thomas Vajna, Geschäftsführer von Gesamtmetall, ein. Es gebe einen „Standardsatz an Fakten“. Das sind die Zahlen, die Vajna mit einem Beamer vor dem Planspiel an die Wand wirft, Seite um Seite: Produktionszuwachs in der Branche. Steigender Auftragseingang. 30 000 neue Arbeitsplätze. Eine Umsatzrendite von 3,2 Prozent, so gut wie zuletzt 1997.

Doch das sei nur die eine Seite. „Von 100 Euro Umsatz bleiben also 3,20 Euro Gewinn“, rechnet Vajna vor. Ordentlich, „aber nicht überragend“. Denn in der Chemiebranche ließen sich 6,50 bis sieben Euro verdienen. Dazu kommen: Sich eintrübende Erwartungen. Im weltweiten Vergleich hohe Stundenlöhne. Und ein gesamtwirtschaftliches Produktivitätswachstum, das mit 1,4 bis 1,8 Prozent hinter den 2,0 Prozent von 2006 zurückbleibt.

Den künftigen Tarifparteien in Potsdam brummt der Schädel

Den künftigen Tarifparteien in Potsdam brummt spätestens hier der Schädel. Wenn alle über die selben Daten verfügen, muss es doch einen „richtigen“ Tarifabschluss geben. „Weglassen ist die Kunst der alternativen Interpretation von Zahlen“, sagt Vajna – und meint: sich auf die Daten beschränken, die einem nützen, alles andere ignorieren.

Die IG-Metall-Spielgruppe versucht sich darin – und verlangt satte 6,7 Prozent mehr Geld für die Beschäftigten. 2,2 Prozent Inflationsausgleich, 2,5 Prozent für die – etwas hoch angesetzte – gesamtwirtschaftliche Produktivitätssteigerung 2007 und einen „Konjunkturbonus von 2,0 Prozent“ für das vergangene Jahr, wie die Verhandlungsführerin vorträgt. Die Arbeitgeberseite nimmt die Forderung stirnrunzelnd zur Kenntnis, nennt sie „viel zu hoch“ und beendet die erste Verhandlungsrunde.

Nicht unrealistisch – hat doch die Arbeitgeberseite nach Ansicht von Bernd Kruppa, Sprecher der IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen, den jahrzehntelang geltenden „Lohnkonsens“ in den 80er Jahren und spätestens seit der Wiedervereinigung aufgekündigt. „Bis dahin war unumstritten, dass die Löhne der Beschäftigten um Produktivitätszuwachs und die Preissteigerung erhöht werden“, so Kruppa. Dies sei der „kostenneutrale gesamtwirtschaftliche Verteilungsspielraum“ – was heißt: „So viel ist drin, ohne dass es den Unternehmen überhaupt weh tut.“ Oben drauf forderte die Gewerkschaft dann eine „Umverteilungskomponente“ oder einen Branchenzuschlag, um Geld von den Unternehmern in die Tasche der Beschäftigten zu lenken. „Seit dem Wegfall der Systemkonkurrenz nach der Wende wird stattdessen von Arbeitgeberseite mit der Globalisierung und den Lohnunterschieden zu Osteuropa oder China für Lohnzurückhaltung argumentiert“, so Kruppa. Das Ergebnis: Die Lohnstückkosten sinken, die Nettolöhne stagnieren aber, die Binnenkonjunktur erlahmt.

Die Unternehmerseite im Planspiel verhält sich genau so, wie es Kruppa beklagt – und hält sich zudem mit einem eigenen Angebot weiterhin zurück. „Am Anfang geht es darum, Zeit zu gewinnen“, hatte der Leiter der volkswirtschaftlichen Abteilung von Gesamtmetall, Wolfgang Bartel, ihr schließlich mit auf den Weg gegeben. Noch herrscht schließlich draußen, in der virtuellen Arbeitswelt, Friedenspflicht, Warnstreiks ausgeschlossen. Und jeder Monat, der verstreicht, kann möglicherweise im neuen Abschluss als so genannter „Nullmonat“ ohne Belastung verbucht werden.

Die zweite Verhandlungsrunde geht deshalb ergebnislos vorbei. Jedoch wächst der öffentliche Druck auf die Unternehmerseite – ein paar Journalisten spielen auch Journalisten. „Arbeitgeber legen immer noch kein Angebot vor“, heißt es, die kritischen Nachfragen nehmen zu. Die Unternehmer sind in der Defensive.

Zur dritten Verhandlungsrunde soll es deshalb ein Gegenangebot geben. In der echten Metall-Tarifrunde 2006 dauerte es zwei Monate, bis es soweit war. Doch wie berechnet man ein Gegenangebot?

Drei Dinge sind zu klären: Um wie viel sollen die tariflichen Löhne erhöht werden? Diese Kosten entstehen den Firmen von da an jeden Monat. Wie viel wird möglicherweise als Einmalzahlung geboten, die nur in einem Monat den Etat belastet? Und dann: Wie lange ist die Laufzeit des Vertrags? Die IG Metall will mit zwölf Monaten eine kurze Laufzeit, um im nächsten Jahr gleich wieder die nächste Anhebung verhandeln zu können. Wird die Laufzeit dagegen verdoppelt, halbiert sich die Belastung der Unternehmen – weil sich auf diese Weise im zweiten Jahr nichts mehr verändert, also eine Lohnerhöhung von Null Prozent zu Buche schlägt. Für die tarifliche Erhöhung gibt es die bereits bekannte einfache Kennzahl: Den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs. Das, was zusätzlich erarbeitet wird, kann auch an die Beschäftigten weitergegeben werden. 1,7 Prozent erwarten die Unternehmer und sind damit etwas pessimistischer als die Gewerkschaft. Und weil es im vergangenen Jahr konjunkturell ja wirklich gut lief, legt die Spielgruppe noch eine Einmalzahlung drauf.

Ein Prozent des Jahresgehalts als Sonderzahlung soll es sein – das sind bei durchschnittlich 38 992 Euro je Metaller und Jahr, wie die Statistik besagt, fast 400 Euro. Für die Medien heißt das Angebot verkürzt: 2,7 Prozent mehr Geld. Aber welche Laufzeit? Mehr als ein Jahr, damit die Betriebe Planungssicherheit haben. Vielleicht 15 Monate? „Geht nicht“, warnt Experte Bartel. Damit würde der neue Vertrag im Juli 2008 enden – und da sind Sommerferien. Das macht die Gewerkschaft nie mit, da wären die Belegschaften während der Verhandlungsrunde im Urlaub und nicht zum Protest bereit. 13 Monate sind zu kurz. Also 18 Monate, bis Ende September. Die Belastung der virtuellen Unternehmen ist so nicht 2,7 Prozent, sondern 1,9 Prozent. „Ein Witz“, sagt die IG Metall. Und verlässt empört den Verhandlungsraum – nicht ohne mit Arbeitsniederlegungen bei erster Gelegenheit zu drohen. Wäre ein höheres Angebot besser gewesen, um zügig zum Ende zu kommen? Nein, meint später Spielleiter Werner Riek, der mehr als 30 Jahre lang als Gesamtmetall-Pressesprecher gearbeitet hat, und erzählt eine Anekdote.

Einmal, in den 70er Jahren, habe ein „erfolgreicher Manager“ im Vorstand des hessischen Metallverbandes versucht, sich das nächtelange Hick-Hack durch ein von Anfang an ordentliches Angebot zu ersparen. Alle Tarifprofis hätten gewarnt – vergeblich. Das Ergebnis, erinnert sich Riek, sei „schrecklich gewesen“. Ein viel zu hoher Abschluss, weil die IG Metall viel mehr rausgeholt hätte. „Die kann ihren Mitgliedern doch nicht sagen, wir haben das erstbeste Angebot akzeptiert“, so Riek. Es müsse bis in die Nacht gerungen werden, es müsse Warnstreiks geben. Um dann zu sagen: „Mehr war wirklich nicht drin.“

Dieser Darstellung widerspricht IG-Metall-Sprecher Kruppa vehement: „Warnstreiks sind gezielte Nadelstiche und eben nicht die Kulisse für irgendwelche Hinterzimmer-Verhandlungen.“ Es sehe nur für Außenstehende wie ein „ritualisiertes Verfahren“ aus, in Wahrheit seien „Lohnfragen immer auch Machtfragen“. In den vergangenen Jahren seien die Tarifauseinandersetzungen härter geworden, es gehe für die Gewerkschaft darum, ihre Basis einzubinden. Auch damit später die Ergebnisse wirklich in den Betrieben umgesetzt werden.

Die Arbeitgeber im Potsdamer Hotel versuchen, den Warnstreik zu umgehen – und legen etwas drauf: 2,5 statt 1,7 Prozent Lohnerhöhung. Wie die neuen Zahlen begründet werden? Gar nicht, ökonomische Daten sind nun nebensächlich. „Irgendwann ist es nur noch feilschen“, wie ein Gesamtmetaller formuliert. Die Gewerkschaft ist überrascht von dieser Nachgiebigkeit, beharrt aber auf einer vier vor dem Komma.

Es ist spät am Abend, die öffentliche Meinung ist weiter auf Seiten der Gewerkschaft. Gegen den erbitterten Widerspruch des Mittelstandes in der Spielgruppe beschließt die Arbeitgeberseite, in die Offensive zu gehen: Sie bietet 4,0 Prozent und 200 Euro Einmalzahlung bei 18 Monaten Laufzeit. Das entspricht der IG-Metall-Forderung, bedeutet aber wegen der langen Laufzeit nur eine Belastung der Betriebe um 3,0 Prozent.

Dumm, dass die Gewerkschaft auch rechnen kann. Nach kurzer Beratung weist sie das Angebot in der vierten Runde als „Mogelpackung“ zurück. Weil der Mittelstand mit Verbandsflucht droht, zucken die Unternehmer mit der Schulter – die Gewerkschaft ruft zur Urabstimmung. Streik im virtuellen Baden-Württemberg.

Das Spiel endet hier – Arbeitskampf lässt sich nicht simulieren. Der Verlauf sei aber realistisch, meint Riek, der den Arbeitgebern „taktische Fehler“ ankreidet. Erst viel zu niedrig reingegangen mit 1,7 Prozent und so in der Öffentlichkeit in die Defensive geraten. „Übliches Arbeitgeberverhalten“, sei das, so Riek, darüber sei er immer unglücklich gewesen. Und dann hätten die Unternehmer – wie oft in der Realität – Panik bekommen und zu schnell nachgelegt. Unter die 4,0 Prozent hätte die Gewerkschaft nicht zurück gekonnt, nur die Laufzeit hätte „als Stellschraube zur Verfügung gestanden“. Zu wenig.

In den nächsten Wochen wird sich zeigen, wie sich die Tarifparteien in der Realität schlagen. Die Forderung liegt bereits auf dem Tisch. Eines könnte aber anders laufen, meint IG Metaller Kruppa: „Einen Streik gab es in der Vergangenheit eigentlich nur, wenn es um gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen wie die Arbeitszeit ging.“

Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung vom 08.02.2007

Nächster Beitrag
Vorheriger Beitrag